Oldtimer-Szene im Wandel?

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Frank Schädlich macht sich so seine Gedanken

Wenn man gemütlich bei einem Glas altem Whisky, eine Pfeife schmauchend und vielleicht noch im Winterquartier seines Oldtimers sitzen kann, dann macht man sich so seine Gedanken über das vergangene Oldtimer-Jahr und Themen wie: Reparaturen, herrliche Ausflüge im Sonnenschein (na ja, nicht immer…), nette Leute, die man mit dem Hobby verbindet und vielleicht auch über den Wandel unseres Hobbys. Hat sich denn die Oldtimer-Szene in den letzten Jahren überhaupt verändert? Um die Antwort vorweg zu nehmen, natürlich, gar keine Frage. Nur, wie gehen wir, die wir vielleicht schon etwas länger dieser Leidenschaft frönen, damit um?

Stellen wir mal ein altes Chinesisches Sprichwort zu Beginn unserer Überlegungen: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“ Die Chinesen mal wieder! Immer einen flotten Spruch und irgendwie wissen Sie es besser. Andererseits da ist doch auch viel Wahres dran. Oder?

Wie war es in den 70er Jahren?

Als ich in den 70iger Jahren mit alten Autos wirklich angefangen habe, war es eben noch irgendwie anders. Aber so anders als heute? Eine Mercedes Pagode war noch für relativ kleines Geld in der hintersten Ecke des Fähnchen Händlers zu finden. Immerhin wurden die Letzten 1971 gebaut. Mithin war das lange Zeit nichts anderes als ein herunter gerittener Gebrauchter. Nicht viel besser ging es dem frühen Porsche 911er, der Ikone überhaupt, der ja bis 1973 gebaut wurde. Heute sind beides Modelle, die einen Liebhaber alter Autos schon mal in den Zustand der permanenten Schnappatmung versetzen können. Damals hätte man diese wahrscheinlich auch Youngtimer genannt, falls es den Begriff schon gegeben hätte. Für mich waren das damals einfach keine echten Oldtimer. Ein Oldtimer hatte freistehende Lampen, ein außen liegendes Reserverad und Trittbretter. Klar das Oldtimer damit in den Zeitraum bis ca. 1945 und kurze Zeit danach, definiert wurden. Ein Mercedes 170V passte da ganz gut ins Bild, obwohl dieser und sein Nachfolger Mercedes 170S natürlich auch noch lange nach dem Krieg gebaut wurde.

Mercedes Scheunenfund
Mercedes Scheunenfund

Was zeichnet ein modernes Fahrzeug aus?

Wie auch immer, der Rest der angebotenen Fahrzeuge war einfach zu modern. Selbsttragende Karosserie, Kofferraum, glatte Formen, einfach ein Graus. Bei Engländern war, nebenbei bemerkt, die traditionelle Bauweise noch lange Zeit „modern“ genug. So konnte man in den 50er Jahren durchaus ein Auto von der Insel mit bewährter Vorkriegstechnik erwerben. Damals habe ich einen MG TD, der für 2000 DM zum Verkauf am Straßenrand mit Pappschildchen stand, bewundert und als echten Oldtimer empfunden. An einen Kauf war nicht zu denken, der allgegenwärtige VW Käfer hatte für mich Vorrang. Unser Familienauto ein Ford 12M (ja, der mit der Weltkugel) wurde von mir als unglaublich luxuriös und fortschrittlich eingestuft.

Vom Gebrauchtwagen zum Oldtimer

Wenige Jahre später wurden aus genau diesen modernen Autos Gebrauchtwagen und rückten bei den Händlern kontinuierlich Reihe für Reihe nach Hinten. Irgendwann wurden Studentenschüsseln oder Bastelobjekte für Lehrlinge mit knappen Budget daraus. Von den vielen auf der Balkanroute Richtung Türkei durch gerittenen Mercedes Diesel ganz zu schweigen. Mit Elan, kaum Know-how, umso mehr Presto Glasfaserspachtel und mit Hilfe des Bestsellers „Jetzt helfe ich mir selbst“ bastelten wir Jungmänner an den Schrottreifen Mühlen herum. „Bis das der TÜV uns scheidet“, war das allgegenwärtige Motto dieser Tage. Es gab sogar Aufkleber! Wenn die Bastelbuden ihre schwärzesten Stunden überdauert und eben nicht in der Schrottpresse landeten, dann mutierten daraus über die Zeit hinweg irgendwie unsere heutigen Lieblinge. Natürlich gab es auch die wenigen gehegten Exemplare, die „Familienmitglieder“, welche irgendwann automatisch zum Oldtimer reiften. Egal, auf welchen verschlungenen Wegen die Fahrzeuge überlebt haben, wichtig ist, sie existieren zu unserer Freude heute immer noch!

Werden alle Autos zum Oldtimer?

So weit, so gut. Spinnen wir den Faden weiter. Das heißt dann wohl auch, alle Autos werden, wenn man nur lange genug wartet zum Oldtimer? Klar! Bis heute oder wo ist da eine Grenze? Ok, ok, der fleißige Gesetzgeber hat mit 30 Jahren die Grenze zum Oldtimer festgelegt. Aktuell liegt diese per Definition also im Jahr 1988, gar nicht so wirklich lange her. 1988? Was würde denn 2018 in den Genuss der Oldtimer Kennzeichen kommen?

Sind das wirklich echte Oldtimer?

Nur um einige zu nennen: Opel Kadett GSi 16V, Audi V8, VW Passat und 5er BMW. Alles Massenmodelle, die bis heute auf unseren Straßen noch teilweise unerkannt im Alltag bewegt werden. Aber sehen wir diese Autos, kantig, stark motorisiert, teilweise mit Elektronik, auch als Oldtimer an? Dürfen die denn bei uns Oldtimer Liebhabern überhaupt mitspielen? Oder sind wir da päpstlicher als der Papst? Zugegeben Treffen, Rallyes und andere Oldtimer Events werden mehr und mehr von genau diesen Fahrzeugen frequentiert. Eigentlich sogar überproportional. Ich höre schon die Traditionalisten: „Ne, ne, die gehören nicht dazu, das sind doch keine echten Oldtimer…“.

Youngtimer bzw. modern classics

Und da sind ja auch noch die Youngtimer, noch jünger als 30 Jahre. Übrigens ein fürchterlicher Scheinanglizismus, noch schlimmer als Oldtimer. Aber Oldtimer ist wenigstens ein Englisches Wort, wenn auch mit einer etwas anderen Bedeutung. Im Englischen wird der Begriff „modern classic” verwendet. Das sind Fahrzeuge, welche noch nicht die Oldtimer Würde verliehen bekommen haben, von denen Ihre Besitzer aber annehmen, dass sie es einmal werden würden. Allein aus Überlegungen bezüglich Geld und Mengen heraus ist die zu erwartende Schwemme der Fahrzeuge hier wohl groß? Man könnte natürlich erwarten, dass mit Erreichen der 30 Jahresgrenze der Anteil der jüngeren Fahrzeuge stark zunimmt. Dem ist aber nur bedingt so, da die Kosten der betriebsfähigen Unterhaltung bis dahin doch recht erheblich sind.

Die Unwägbarkeiten des Gesetzgebers

Also Entwarnung? Nicht wirklich. Die politische Keule schwebt unübersehbar über der Oldtimer Szene. Wenn man schon moderne Diesel aus den Innenstädten verbannt, wieso sollten ältere Fahrzeuge, die nun mal Bauart bedingt nicht eben die saubersten Abgase ausstoßen und mit dem kostbaren Kraftstoff auch nicht gerade sparsam umgehen, eigentlich bevorzugt werden? Dem Wählervolk ist das mit dem Kulturargument nur noch schwer zu vermitteln. Jetzt nur noch „echte“ Oldtimer in den Genuss von Vergünstigungen kommen zu lassen, wäre schwierig. Denn, was ist denn nun eigentlich ein „echter“ Oldtimer?

Die unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen

Stirn runzeln. Hier überschneiden sich jetzt verschiedenste Probleme und Interessenlagen. Zählen wir mal die unterschiedlichsten Aspekte auf. Die da sind: Frühere Zeiten, moderner Verkehr, lavierende Politik, wirtschaftliche Interessen, Youngtimer Schwemme, flexible Oldtimer Grenze, wachsende Oldtimer Industrie, Publikationen, Traum Erfüllung im Alter, begrenzter Nachschub, Repliken als getarnte Oldtimer, Vergünstigungen, Schrauber vs. gehobene Käuferschichten, usw…

Clubs sind von gestern und kommerzielle Interessen von heute

Man sieht schon auf den ersten Blick, die Grenzen der kleinen überschaubaren Gemeinde der Oldtimer „Verrückten“ wurden schon längst überschritten. Mal eben noch kurz die Vergaser abgleichen, neu Kerzen rein und ab zum Treffen am OGP an den Nürburgring. Zwei Tage zelten, feuchtfröhliche Nächte am Lagerfeuer verbringen? Das machen heute nur noch die wenige Menschen. Die Clubparkplätze werden, wenn man es ehrlich betrachtet, immer leerer. Der Kommerz ist eingezogen, ob man das jetzt nun gut findet oder nicht. Es ist eben so. Sollte man sich jetzt als ewig gestriger „Mauerbauer“ in Szene setzen oder Windmühlen bauen, um so im Aufwind der neuen Zeit mit zu mischen? Die Wahrheit liegt wie so bei manch anderem wohl auch, in der Mitte.

Wie so viel schöner es früher war oder eben anders, haben wir schon Eingangs beleuchtet. Die große Gruppe der selber Schrauber gibt es immer noch. Sicherlich. Nur, diese Szene ist derzeitig total in den Hintergrund gedrängt und durch die stetig wachsende Oldtimer „Industrie“ überfremdet worden. Wir finden aufblühende Oldtimer Werkstätten, kaum zählbare spezialisierte Händler, Oldtimer-Reisen, Messen, Teilemärkte, Hersteller von Nachfertigungen, Auktionshäuser, um nur einige zu nennen.

Zielgruppe der Auktionshäuser

Nehmen wir als Beispiel ein Auktionshaus. Welches Interesse hat schon ein Auktionator an einem einfachen Schrauber mit schmutzigen Fingernägeln und schmalem Budget? Nicht die Bohne. Hier liegen die Belange klar bei einer anderen, solventeren Käuferschicht im „Nadelstreifen“. Die mal eben einen Oldtimer als steigerungsfähige Wertanlage erwerben. Garagengold ist das Zauberwort. Selbst Hand anlegen Fehlanzeige, wozu hat man spezialisierte Werkstätten?

Allerdings gibt es da auch Auswüchse zu bekritteln. Wenn ein Fahrzeug über die Jahre von Auktion zu Auktion an Wert gewinnt, ist das immer noch Sache der Käufer. Ob die Hausse anhält oder irgendwann einmal platzt, steht sowieso auf einem ganz anderen Blatt. Dumm nur, wie letztlich in der einschlägigen Presse gemeldet, der Käufer eines hochpreisigen Oldtimers wollte diesen tatsächlich auf der Straße bewegen und es rührte sich kein Mucks. Damit hatte wohl keiner der Auktionshäuser gerechnet, am wenigsten der Verkäufer. Als Lehre könnte man daraus ziehen, dass ein Oldtimer durchaus ein Investment Objekt sein kann, es gelten dafür aber etwas andere Randbedingungen als beispielsweise bei einer Antiquität, einem alten Gemälde oder einer Immobilie. Was sehr häufig verkannt wird, ein Auto muss bewegt werden sonst verkommt es technisch.

Schrauben oder Fahren?

Das bei diesen Käufern letztendlich der Stellenwert eines Oldtimers ein ganz anderer ist, ist selbst redend. Das Argument, man verdiene in der gleichen Zeit mehr, als man mit Schrauben einsparen würde, ist aus Sicht der Schrauber Fraktion allenfalls ein müdes Lächeln wert. Es geht eben nicht immer um Geld einsparen, es geht um das Schrauber Erlebnis als solches. Die Verbundenheit mit dem Fahrzeug. Andererseits, ist das Argument durchaus richtig. Wieso sollte man an einem alten Auto herum basteln, wenn man doch nur fahren will? Man kauft ja auch keine ganze Kuh, wenn man zum Kaffee seine Milch haben möchte. Und was stört es die Szene ob jemand schraubt oder lediglich fährt? Ja klar, die Bindung zum gelegentlich als Spassmobil degradierten Oldtimer ist einfach weniger intensiv. Ist das so schlimm oder ist es einfach eine Bereicherung der Szene insgesamt? Eher letzteres, da dadurch auch hochkarätige Oldtimer erhalten bleiben und auch viel, sehr viel Bargeld in die Szene gepumpt wird das wiederum Allen zu Gute kommt.

Auffällige Wertsteigerungen bei einigen Exemplaren

Nachteilig wirkt sich die auffällige Wertsteigerung einzelner Hochpreisklassiker gewiss auch auf die Preisgestaltung von Brot und Butter Fahrzeugen aus. Auch deren Preise steigen, wenn auch nicht so gravierend. Bestes Beispiel ist hier der 2CV. Am Ende der Bauzeit 1990 war diese für 9000 DM zu erwerben. Heute ist ein gutes Exemplar kaum unter 10.000 Euro erhältlich.

Investoren oder Nur-Fahrer?

Angemessen möchte man meinen, aber andererseits wird fast automatisch die Nachwuchs Szene auf die preiswertere Alternative eines Youngtimers ausweichen müssen. So schaffen Spekulanten hier eine für die Dauerhaftigkeit der Oldtimer Bewegung gefährliche Lücke. Wenn sich erst mal nur Senioren Ihren lange gehegten Traum von einem eigenen Oldtimer erfüllen können, ist es für den Nachwuchs in der Szene schon längst zu spät. Andererseits darf keinesfalls vergessen werden, dass mit jedem Nicht-Schrauber auch wertvolles Know-how verloren geht bzw. erst gar nicht erworben und weiter gegeben wird. Wer will denn als stolzer Neubesitzer eines Oldtimers im Alter noch anfangen unter das Auto zu kriechen um selbst Hand an zu legen? Ölwechsel, Abschmieren, Zündung einstellen, rückt eher in den Bereich der Phantasie, einfach nur fahren ist angesagt. Sollte man sich jetzt über Investoren oder Nur-Fahrer lustig machen? Wohl eher nicht, es ist doch schön wenn alte Autos am Leben erhalten werden. Die Wahl der Mittel bleibt doch dem Besitzer überlassen. Die Lebenskonzepte und damit auch die der Oldtimer-Szene haben sich eben gewandelt.

Sind Replikate verlorener Fahrzeuge erstrebenswert?

Eine weitere klar auf maximale Gewinnerzielung zurück zu führende einschneidende Erscheinung unseres Hobbys sind die immer mehr ins Kraut wachsenden Repliken. Ich meine nicht die Retro Fahrzeuge. Die angelehnt an eine alte Formen, z.B. der Fiat 500, welche im neuen modischen Kleid auftauchen. Ich meine Replikas. Toll, wenn Firmen wie Alfa, Audi, Bentley, BMW, Mercedes, u.v.a.m. längst verloren gegangene Zeugen Ihrer Geschichte mit viel Akribie und noch mehr Geldeinsatz wieder aus dem Nichts erstehen lassen. Natürlich sind diese neu erstandenen Fahrzeuge als Nachbauten bekannt und werden auch als solche vorgestellt.

Nur, wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Sprich, im Bereich der Repliken tummeln sich mittlerweile viele Firmen die ganz offen (wie etwa Pur Sang) bis ins letzte detailgetreue vom Original kaum zu unterscheidente Nachbauten, meist hochwertiger „Oldtimer“, anbieten. Was der neue Besitzer damit macht? Ob der die Embleme postwendend tauscht und so plötzlich gefühlt einen „echten“ Bugatti, Alfa oder Mercedes fährt, ist seine Sache. Das ist nicht nur peinlich, hier diskreditiert sich die Oldtimer-Szene eindeutig selbst! Raten wir mal wie viele die Embleme nicht tauschen werden?

Neubauten unter Verwendung von Resten

Noch mehr dubiose Firmen werkeln am Profit orientiert in dieser Grauzonen. Da entsteht schon mal aus kärglichsten Überresten, wie einigen Rädern, einer Hinterachse, einer Lampe ein nagelneuer, Bolide. Diesen dann mit einer guten Vorgeschichte versehen, vielleicht findet sich noch irgendwo eine „vergessene“ Fahrgestellnummer, ein paar alte Fotos und Dokumente und schon mutieren die wenigen Überbleibsel eines einstigen Fahrzeugs zum „Echten“. Vor Jahren schon machte sich die Szene über die stetig wachsende Zahl der berühmten SSK Mercedes oder der Bentley Blower lustig. Heute geht die Reproduktion fast schon über alle Marken. Es muss sich nur lohnen. Jetzt noch eine Zulassung, natürlich mit H-Kennzeichen und schon steht dem Verkauf eines „auferstandenen“ Oldtimers nichts mehr im Wege. Muss nur noch ein Dummer gefunden werden, der gewillt ist, genügend Geld auf den Tisch zu legen. Aber es steht sowieso jeden Tag Einer auf, der den Rosstäuschern ein leichtes Opfer wird.

Mit Stolz geschwellter Brust wird dieser auf dem nächsten Oldtimer-Treffen oder -Rallye auftauchen. Entweder im festen Glauben ein Original erworben zu haben, da haben die Fälscher eben einen guten Job gemacht oder im vollen Wissen eine Replikat zu fahren. Wenn letzteres der Fall ist und der Besitzer daraus keinen Hehl macht, ist es bei Lichte betrachtet kein Thema. Leben und leben lassen.

Von der Legalität zum Betrug

Aber andererseits, wer wird das denn schon an die große Glocke hängen? Denn mit dem H-Kennzeichen ist ja die Oldtimer Würde doch wohl amtlich besiegelt, oder? Dass man hier nicht nur einen Steuerbetrug (H-Kennzeichen) sondern auch eine Urkundenfälschung (Baujahr) und die Versicherung am Nasenring führt, sei nur mal am Rande bemerkt. Außerdem, kann ein neues Auto, das ist es nun mal, nicht mit seinem wirklichen Baujahr zugelassen werden. Es fehlen schlichtweg jegliche gesetzlich erforderlichen Voraussetzungen, bezüglich Sicherheit und Umweltschutz. Kein Wunder, dass die Besitzer derartiger Repliken einen Originalitätsnachweis, beispielsweise in Form einer FIVA ID-Card, wie der Teufel das Weihwasser, scheuen.

Wenn man jetzt noch mit diesen Pseudo Oldtimern in der vorgeblichen Baujahresgruppe an einer Rallye oder einem historischen Rennen teilnimmt, dann ist noch eine ganz andere Dimension. Hier tritt Alt gegen Neu an. Alt steht für unwiederbringliches, mühsam am Leben gehaltenes und Neu eben für teures, aber problemlos ersetzbares Material. Kein Wunder, dass Besitzer originaler, unersetzlicher Fahrzeuge diese mittlerweile äußerst selten zum Einsatz bringen. Warum soll man, z.B. einen Crash bei einem historischen Rennen riskieren, wenn einem die Repliken nur so um die Ohren fliegen und deren Fahrer nur die Vollgasposition kennen? Schonende Fahrweise, warum das Material ist doch austauschbar? Aus meiner Sicht ist das, was auf dem Umfeld der Repliken passiert, auch wenn es hart klingt, mehr als fragwürdig.

Die besondere Gattung Specials

Eine ganz andere Nummer sind die Specials. Gerade bei den Engländern eine weite verbreitete Spielart. Diese mit Bausch und Bogen zu verteufeln wäre zu kurz gedacht. Aus geeigneten Limousinen mit Rahmen und möglichst starken Motoren wurden schon früher Specials produziert. Das wird bis heute im Prinzip immer noch so gemacht. Aus vermeintlich uninteressanten Limousinen werden phantasievoll Sportwagen produziert. Oftmals auch weit weg vom Original. Das ist für die Oldtimer Szene recht schade, da unwiederbringliche Substanz in Form der Limousine zerstört wird und ein Spezial unter den kundigen Händen eines Karosseriespezialisten neu entsteht, den es so nie gegeben hat. Andererseits wurde das schon von Anfang seit Beginn der Motorisierung so gemacht. Ford und American La France sind sehr schöne Beispiele. Letztere entstanden schon seit den 20er Jahren aus Feuerwehrfahrzeugen, allerdings Speedster genannt. Viele Fords gingen auch den Weg des Choppers, aber das ist eine ganz eigene Szene. Ohne Zweifel sind Specials Oldtimer. Man sollte eben nur die Geschichte des Wagens dokumentieren und auch selbst dahinter stehen. Vor Jahren wollte ich einmal einen Alvis Rennwagen erstehen. Umso größer mein Erstaunen, als der Verkäufer mir anstatt einen fahrbereiten Wagen zu offerieren, mir einen Katalog unter die Nase hielt. Aus diesem konnte man seine Wunschkarosserie auswählen. Aero Screens, Reservereifen, Cycle Wings verschiedenster Bauart, usw.. Der fertige Renner natürlich auf einem originalen Limousinen Fahrgestell und mit originaler Antriebseinheit. Das man jetzt gleich noch einen stärkeren Motor und Verbesserungen der Bremsen anbot, stimmte eher wieder bedenklich. Ich nahm damals schnell Abstand von diesem „Neuwagen“ genannt Special.

Wie sieht ein durchschnittliches Oldtimer-Treffen aus?

Wie sieht denn nun heutzutage ein durchschnittliches Oldtimer-Treffen aus? Nehmen wir mal eine Wald- und Wiesen Veranstaltung des örtlichen Oldtimer Clubs oder vielleicht auch mal das bekannte Treffen an den Opel Villen in Rüsselsheim. Das besteht grob gesagt aus einer Hälfte Youngtimer und einer anderen aus Nachkriegs Oldtimer. Eine verschwindend kleine Schar aus der Gruppe Oldtimer besteht wenn, man Glück hat, aus Vorkriegsfahrzeugen, vorrangig aus der Zeit zwischen den Kriegen. Messing Fahrzeuge wird man hier nicht antreffen. Jetzt könnte man als ewiger „Mauerbauer“ sagen: total langweilig!

Ausfahrt mit Vorkriegs-Automobilen
Ausfahrt mit Vorkriegs-Automobilen

Es liegt aber durchaus im Auge des Betrachters was er langweilig findet und was sein Interesse erweckt. Klar wird einer im gehobenen Alter die Fahrzeuge aus den 50er und 60er präferieren. Jünger eher die 70er und 80er Jahre lieben und noch jünger eben Youngtimer. Das Totschlag Argument mit den Autos aus der eigenen Jugend hinkt etwas. Hätte doch mein Vater VW Kübelwagen toll finden müssen, die waren ja in seiner Jugend ziemlich präsent. Tat er aber nicht, komisch? Ich denke mehr es liegen verschiedenste Gründe für die Entscheidung zu einem bestimmten Fahrzeug zu Grunde. Vielleicht ist es Bequemlichkeit, die erzielbare Geschwindigkeit, die Nutzbarkeit oder die finanziellen Mittel. Wie auch immer…

Kommen wir zu unserem Treffen zurück. Logisch, es wird das präsentiert was man hat und man ist ja schließlich auch ein bisschen stolz drauf. Aber wie kommt es, dass bestimmte Modelle omnipräsent eine Veranstaltung dominieren? Eine ganze Armada von Mercedes Pagoden, Mercedes R107, Ford Mustang, Jaguar E-Typ, Karmann Ghia, VW Käfer und Porsche 911, um nur einige der Volumenmodelle zu nennen, bevölkern fast jedes Oldtimer Treffen. Woher kommt das? Hier setzen eindeutig die von uns wie Muttermilch eingesaugten Oldtimer-Magazine die gängigen Trends. Kaum ein Journal wo nicht ein Mercedes, Porsche oder Jaguar das Cover ziert. Andere Marken geraten allzu häufig zum schmückenden Beiwerk. Im Anzeigenteil setzt sich das natürlich seitenweise in Massen fort. Der Mensch ist eben ein Herdentier. Was in Mengen angeboten wird und auf Treffen und in Zeitungen zu sehen ist, kann ja wohl nicht falsch sein oder?

Aufschwung der VW Transporter

Wo kommt eigentlich der ungeheure Aufschwung der VW Transporter her? Herunter gerittene Handwerker Fahrzeuge und Hippi-Schüsseln aus irgendeiner Scheune gezerrt oder aus Brasilien und USA importiert, verwandelten sich quasi über Nacht in gesuchte Objekte zu unverständlich hohen Preisen. Was vom Schrotthändler nur noch händeringend genommen wurde und vor nicht allzu langer Zeit für ein Taschengeld erworben werden konnte, ist plötzlich zu einer hochpreisigen Ikone hoch stilisiert worden. Klar, wenn man als potentiell Interessierter von den Journalen ständig und penetrant eine Mohrrübe als vermeintliche Speckschwarte vor die Nase gehalten bekommt, irgendwann greift man eben zu. Allemal bei den Marken wo man vermeintlich nichts falsch machen kann, steht ja im Anzeigenteil. Die Masse macht es und Abonnementen gibt es noch oben drauf. Klasse?

VW T1 Lufthansa
VW T1 Lufthansa (Rekonstruktion)

Das ist vornehmlich aus meiner Sicht der Grund warum bestimmte Modelle und Marken auf einem Oldtimer Event anzutreffen sind. Da bleibt dann dem Besitzer eines etwas aus der Reihe fallenden Autos nur noch der Spruch mit dem „Salz in der Suppe“. Nun ja, ob es den Zuschauern gefällt immer nur einen ewig gleichen Einheitsbrei zu bewundern, steht auf einem anderen Blatt. Umso unverständlicher das es fast gleichwertig gute Oldtimer immer noch zu kleinen Preisen zu erstehen sind. Beispielsweise wie ein Citroen 11CV, Jaguar XJ40, u.v.a.m.. Nur die sind eben nicht im allgegenwärtigen Mainstream.

Autos aus der Frühzeit des Automobils

Immer weniger anzutreffen sind Vorkriegs oder Vor-Vorkriegs Autos. Schade, wenn diese fehlen, aber das hat schon seine Gründe. Leider findet man erschwingliche Vorkriegswagen bei Händlern genau so selten wie gute Nachkriegs Oldtimer unter 20.000 €. Ganz einfach, die Verdienstspannen sind zu gering. Wenn man, zum Beispiel die Standmieten der Oldtimer Messen berücksichtigt ist das aus Sicht eines Händlers durchaus verständlich. Gerade derzeitig ist aber der Erwerb eines Vorkriegs Oldtimers durch aus günstig, wenn man von den Hochpreisigen Auktionsangeboten mal absieht. Allerdings beschränkt sich die Suche eher auf die Annoncen der Oldtimer Magazine oder die Suche im Internet. Nicht das man mich falsch versteht, die Fahrer von Vorkriegs Oldtimern wollen ja gar keine extra Würste gebraten haben. Es geht einfach um ein faires Nebeneinander. Wenn das zwischen Oldtimer-Besitzern und Helfern, die ja meistens auch Oldtimer besitzen, schon nicht ganz klappt, wie soll es da zum Rest der Welt funktionieren?

Machen wir mal einen kleinen Exkurs. Entschließt man sich zu einem Treffen mit einem Vorkriegsauto zu fahren kann man schon einiges erleben. Bekanntlich ist das Fahren mit einem Vorkriegs Oldie nicht so locker wie mit einem in den 60ern produzierten Modell. Lenkung, Bremse, Geschwindigkeit, Bedienung, Startprozedur usw., aber das gehört dazu und ist dem Besitzer geläufig. Spaß macht‘s außerdem. Wer es nicht so arg in der Frühe haben kann wie die Traktor Liebhaber und zu einer moderaten Zeit losfährt, wird ständig von hupenden und winkenden Gleichgesinnten, aber eben mit „moderneren“ Wagen, überholt. Darüber freuen wir uns, der Weg ist das Ziel. Nur am Ziel angekommen stehen wir sofort in der Schlange derjenigen die uns eben noch fröhlich passiert haben. Locker schwatzend sitzen Sie die Zeit aus. Scherzen mit Besuchern und fühlen sich sichtlich wohl. Uns treibt die Wartezeit schlicht den Angstschweiß um den Motor auf die Stirn, der sich langsam qualmend bemerkbar macht. Die Temperatur schießt gnadenlos in die Höhe. Thermosiphon Kühlungen sind nie für Staus gebaut worden. Die Hoffnung, dass vielleicht einer der anderen Oldtimer- oder Youngtimer Fahrer auf die Idee kommt, dass wir echte Probleme haben und uns eventuell vorzeitig fahren lässt, wäre vermessen. Einmal habe ich einen Ordner an der Einfahrt gebeten mich vor zu lassen, immerhin hatte der dankenswerterweise ein Einsehen mit meinem sichtbar dampfenden Motor. Die anderen Wartenden fanden es sicher unverschämt.

Endlich am Einlass angekommen, muss jetzt nur noch der meist unbedarfte Moderator, es gibt auch super Moderatoren, jeder Oldtimer Besitzer kennt diese wenigen Ausnahmen, ertragen. Oft mit „hoch“ qualifizierten Kommentaren mit denen an Ort und Stelle eine Bleifreidiskussion vom Zaun gebrochen wird, während wir verzweifelt auf das im roten Bereich operierende Thermometer schielen. Jetzt nur noch schnell einen Parkplatz finden und wir können das Treffen genießen. Nur gibt es auch hier wieder Hilfskräfte die häufig leider mit viel Motivation und Hilfsbereitschaft Ihre Unkenntnis im Umgang mit Vorkriegsauto verbergen. Wie auch, so viele davon kommen ja nun auch wieder nicht. Wendekreis und Lenkkräfte die einen Bodybuilder zur Ehre gereichen würden, sind den eifrigen Hilfskräften unbekannt. Stattdessen wird man in engste Lücken hinein bugsiert. Das Härteste habe ich einmal mit einem 1909er Auto aus der Messingära erlebt. Da verlangte der überforderte Ordner allen Ernstes den Wagen wieder zu starten um einen ½ Meter näher an ein anderes Auto zu parken. Der Fahrer war tief atmend begeistert, da er in glühender Mittagssonne, zur Freude der Zuschauer, seinen 6 Liter Boliden noch einmal ankurbeln „durfte“.

Irgendwie überlegt man es sich dann doch zweimal ob man auf ein solches Treffen fährt oder einfach nur den Weg als Ziel betrachtet und eine Runde durch die Umgegend fährt. Dann fehlen eben solche Autos und es wird wieder optisch ein bisschen langweiliger. Irgendwie ist im Vorkriegsbereich der Wandel in der Szene doch recht stark zu spüren.

Besondere Oldtimer Events in Deutschland

Sicherlich sind im Oldtimer Jahreskalender Concours d’Elegance Veranstaltungen wie Schloss Dyck im Rheinland oder Schwetzingen absolute Ausnahmen. Hier kommen auf Hochglanz polierte Trailer Queens zum Einsatz. Auch das Klientel der Aussteller ist hier ein ganz Anderes. Sehen und gesehen werden ist das Motto. Das hier weiter zu beleuchten würde den Rahmen sprengen. Aber auch hier hat ein mehr als deutlicher Wandel in der Oldtimer Szene stattgefunden. Wieviel Veranstaltungen dieser Art gab es eigentlich vor 30 Jahren? Ausgesprochen wenige.

Aktuelle Stimmung in der Oldtimer-Szene

Richten wir mal den Blick über den berühmten Tellerrand. Wie sehen denn Außenstehende die Oldtimer Szene? Wie wird derzeitig das Hobby in der Öffentlichkeit gesehen, wie ist die Stimmung? Die „Allensbacher Oldtimer-Studie 2017/2018“ gibt darüber Auskunft. Immerhin interessieren sich ca. 15 Millionen Menschen in Deutschland für Oldtimer, einschließlich der Motorräder. Das entspricht in etwa 21,5 Prozent Bevölkerung über 18 Jahren. Das ist die gute Nachricht sollte man meinen. Nur wenn man die Statistik genauer betrachtet, hat sich das Bild der Öffentlichkeit zu vorher gehenden Untersuchungen deutlich verschlechtert. Das hat mehrere Gründe. Zum einen liegt es an der auf uns zu kommenden Flut der Massenproduktionsautos mit Kat, die ein H-Kennzeichen erhalten können und deren damit verbundenen Nutzung als Alltags-Oldtimer. Damit geht natürlich auch ein Image Verlust des gesamten Oldtimer Bestands einher. Zum anderen liegt es sicherlich auch daran, dass ein zurückgehendes allgemeines Interesse, vor allem bei jüngeren Leuten, an Kraftfahrzeugen insgesamt zu beobachten ist. Obendrein kommt die Verteufelung der heimischen Kraftfahrzeug Industrie durch die Politik, Einsatz von Schummelsoftware und Qualitätsproblemen belasten den Ruf alter Autos. Belastend kommt noch hinzu, dass der Besitz eines Oldtimers in der Bevölkerung als ein teures Hobby empfunden wird.
Dass die Realität in der Summe eine andere ist, wird, und da schließt sich der Kreis, durch die o.g. Garagengold Fraktion leider überdeckt.

Das Ergebnis der Umfrage sollte uns dahin gehend sensibilisieren, dass die künftige problemlose Ausübung unseres Hobbys auf öffentlichen Straßen nicht mehr so selbstverständlich sein wird wie heute. Mit den alten Teilen werden wir zunehmend Probleme bekommen.

Ergebnis der geäußerten Gedanken

Ach ja, wie war doch gleich unsere Ausgangsüberlegung? „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“ Klar, die Szene, die Menschen, das Umweltbewusstsein, der Zeitgeschmack, die Mobilitätserwartungen, alles ist im Wandel, wohin auch immer. Wenn wir mit unseren alten Fahrzeugen nicht langfristig im Abseits landen wollen, müssen wir Verbindendes stärker pflegen. Gemeinsam sind wir stark. Youngtimer, Messingfahrzeuge, Oldtimer, Repliken, Klassiker, gehören nicht alle zu Familie?

Text: Frank Schädlich

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