Die Qual der Wahl – Alfa Romeo Giulia oder BMW 02

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Es war vor mehr als 40 Jahre und wir schreiben das Jahr 1972. In den damaligen Autozeitungen wurden Vergleichstests mit der Alfa Romeo Giulia Super und BMW 02 gedruckt. Es waren keine typischen Sportwagen sondern kompakte, leichte und schnelle Sportlimousinen. Der Begriff Kompaktwagen wurde geschaffen, um kleine Fahrzeuge mit starken Motoren einer eigenen Klasse zuzuordnen. Doch beide Typen haben bis heute auch bei Oldtimer-Begeisterten einen hohen Stellenwert, besonders in originaler und gepflegter Ausführung, obwohl in der Oldtimer-Szene Limousinen nicht sehr beliebt sind.

Sportlimousinen im Vergleich

Damals hat es bei der Auswahl einer Sportlimousine in der Klasse der Kompaktwagen nur Alfa Romeo oder BMW gegeben. FIAT 124S und 125S waren mit ihrer Starachse an Blattfedern keine Alternative und der Golf GTI und seine Artgenossen waren noch nicht auf den Produktionsbändern der Autohersteller.

Während Alfa und BMW in den 60er Jahren tatsächlich konkurrenzlos waren, bot Triumph mit dem 130 PS starken Dolomite Sprint in den 70ern ein wirklich ebenbürtiges Fahrzeug in der Kompaktwagenklasse. Er wurde hier offiziell nicht verkauft, ist aber auf jeden Fall einen Seitenblick wert.

Karosserie

Die Giulia war mit ihren vier Türen noch familienfreundlicher als der zweitürige BMW 2002. Die Alfa Giulia hat die umfangreichere serienmäßige Ausstattung. Natürlich gab es auch Drehzahlmesser, Fünfganggetriebe, Windschutzscheibe aus Verbundglas für den 02er zu bestellen, aber schon damals nur gegen Aufpreise. Ein Schiebedach gab es meines Wissens nicht in Europa für die Giulia. Für den US-Markt gab es ein Schiebedach!


© Videoquelle YouTube und Urheberrecht: FBC Passion for Cars

Was spricht noch für die Wahl zwischen beiden Sportlimousinen: knappe Außenmaße, harmonisches und unverwechselbares Karosserie-Design. Gerade im Vergleich zu heutigen Modellen ist die Übersichtlichkeit nach allen Seiten bei beiden Klassikern perfekt. Der BMW verhält sich im Wind wie eine Schrankwand (cw-Wert von 0,42) und der Alfa glänzte schon damals mit einem geringen Strömungswiderstandskoeffizienten (cw-Wert von 0,34) durch seine optimierte Karosserie mit dem sogenannten Kamm-Heck.

Eine Eigenheit hat „Julchen“ noch zu bieten. Das Zündschloss sitzt links vom Lenkrad wie beim Porsche 911, Land Rover, auch Defender bis heute. die Lage des Zündschlosses ist also kein Alleinstellungsmerkmal des Porsche 911! Auch die drei Schalter auf der Mittelkonsole weichen von der gewohnten Bedienung ab. Beim BMW liegt der Blinkerschalter rechts vom Lenkrad im Gegensatz zu den meisten anderen Fahrzeugen.

Die Sitze auf Drahtgestellen entsprechen der damaligen Bauart und sind bezüglich Sitzkomfort und Seitenhalt mit heutigen Sitzen als wenig komfortabel zu beurteilen. Beide Typen haben einen großen, gut nutzbaren Kofferraum für zwei Personen. Beim Alfa liegt der Tank links, das Reserverad rechts und beim BMW ist die Anordnung genau umgekehrt.

Beide Typen stammen aus der Zeit, in der Rost in Verbindung mit Feuchtigkeit und Salz den Karosserien ein schnelles Ende bei der Hauptuntersuchung bescherten und viele Exemplare beendeten ihre Karriere durch übermütige Fahrer auf dem Schrottplatz.


© Videoquelle YouTube und Urheberrecht: Jav76bmw / BMW 2002 – 1968 Autotest ZDF Sportspiegel

Technik

Beide Sportlimousinen haben einen hohen Gebrauchswert und Leistungsvermögen in Bezug auf Beschleunigung und die damals übliche Spitzengeschwindigkeit. Beide Automobile bieten noch heute eine sehr gute Straßenlage im Verhältnis zu damaligen anderen Fabrikaten. Der BMW 2002 wurde mit vorderen Scheibenbremsen ausgestattet und die Alfa Giulia 1300 Super bereits mit vier Scheibenbremsen! Der BMW hat Einzelradaufhängung an Schräglenkern und „Julchen“ eine starre hintere Achse. Der Federungskomfort und die strammen Stoßdämpfer sind sportlich abgestimmt zugunsten optimaler Straßenlage.

Die Heizung in der Giulia ist mehr für südliche Länder ausgebildet als die des BMW. Die Lüftung kann bei beiden sehr gut durch die Dreiecksfenster reguliert werden. Die Breite der Reifen ist bei beiden mit 165 SR 70 und 13. bzw. 14-Zoll Durchmesser gleich und passt gut zum Erscheinungsbild der eigenständigen Karosserieformen.

Motor und Fahrleistung

Der Motor mit doppelter Nockenwelle des Alfa ist technisch ein Leckerbissen gegenüber dem einfacher konstruiertem BMW M10-Motor, je nach Leistungsstufe, mit Einfach-, Doppelvergaser oder Kugelfischer Benzin-Einspritzung. Der BMW Motor hat durch den größeren Hubraum 1798 / 1998 ccm) mehr Drehmoment beim Beschleunigen aus niedrigeren Drehzahlen zu Verfügung, während der 1300 ccm Motor der Giulia Drehzahlen und viel Schalten zum flotten Vorwärtskommen benötigt. Hubraum ist durch nichts zu ersetzen wie durch noch mehr Hubraum. Das galt schon damals! Die italienische Steuergesetzgebung war an den „nur“ 1300 ccm verantwortlich. Deshalb haben auch einige Eigentümer von „Julchen“ den serienmäßigen Motor in unserem Land durch den 2-Liter Motor aus dem Spider oder der Berlina ausgetauscht. Das fein abgestufte Fünfganggetriebe, ohne Schongang, hat der Alfa serienmäßig. Es muss jedoch etwas langsamer geschaltet werden als das Getriebe des BMW.

Durch den hohen Ölvorrat (6 Liter Öl) muss der Alfa sorgfältig warm gefahren werden, bis man ohne Risiko die Leistung voll ausnutzen konnte, ansonsten muss mit verkürzter Lebensdauer gerechnet werden. In dieser Beziehung ist der BMW (4,5 Liter Öl) etwas anspruchsloser. Die Empfehlungen des Motoröl Test sollten beachtet werden. Der Alfa hat einen satten Auspuffton. Der klangliche Reiz des für den Fahrer rührt eher von dem schlürfenden bis metallischen Ansauggeräusches der Weber-Vergaser.

Der Verbrauch an Benzin war bei gleicher Fahrweise ähnlich, Temperament im Gasfuß konnte bei beiden den Verbrauch erheblich steigern.

Der Vorrat des Benzintanks ist bei beiden Klassikern einfach zu klein und reicht knapp 300 bis maximal 350 km Fahrtstrecke. Damals war das Tankstellennetz noch sehr viel dichter als heute.

Entscheidung zwischen den Sportlimousinen

Alfa bot damals mehr Auto fürs Geld und serienmäßig Individualität. Zumindest in Deutschland war das so. Wer mehr Individualität in Italien haben wollte, der bestellte sich einen „italienischen“ BMW 2002 mit „gelbweißen Blinkern“, die für die damaligen Zulassungsvorschriften in Italien notwendig waren. Noch heute sind eine gepflegte, rostfreie und originale Alfa Romeo Giulia Super und ein BMW 2002 begehrenswerte Klassiker. Sie bieten viel Spaß und Tauglichkeit, auch noch im heutigen Verkehr in der Klasse unterhalb von 30.000 Euro. Beide Modelle sind bezahlbar!

Ersatzteile für gibt es für den Alfa und BMW bei freien Lieferanten in großer Auswahl, bei BMW Classic auch direkt und in unterschiedlichsten Qualitäten (Reproteile).

Heute sind von beiden Fahrzeugen nur wenige Originale übrig, an denen keine umfassenden Roststellen gegen neue Bleche ausgetauscht werden mussten. Das lohnt sich auch nur solange man die Karosseriearbeiten in Eigenregie durchführen kann, denn der Markt honoriert diese aufwendigen Arbeiten noch nicht im Preis, wie zum Beispiel bei einem VW T1 oder Porsche 911.

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