Analoge Fotografie – Der besondere Reiz

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Die Leidenschaft für historische Technik – ob Automobile oder Motorräder, Flugzeuge oder Lokomotiven – speist sich aus vielen Quellen. Dazu gehören die Klarheit der Konstruktion, die unmittelbar erlebbaren mechanischen Abläufe, die Verwendung hochwertiger Materialien mit sinnlicher Ausstrahlung sowie eine Reparaturfreundlichkeit und Langlebigkeit, die der Technik von heute fehlt. Die Beschäftigung mit Oldtimern versetzt einen zurück in eine Zeit, in der einerseits vieles noch intuitiver war, andererseits vom Benutzer mehr technisches Verständnis und größere Aufmerksamkeit verlangt wurde. Dieses Erlebnis, einen Prozess vollkommen zu begreifen und zu beherrschen, ist in unserer modernen Welt die Ausnahme geworden. Wer sich dagegen auf historische Technik einlässt, wird mit allen seinen Fähigkeiten gefordert, wenn die Sache keine Enttäuschung werden soll. Das gilt ganz besonders für die Automobile der Frühzeit.

DeDion Bouton
DeDion Bouton © Fotoquelle und Bildrechte: Michael Schlenger

Taucht man nun in diese faszinierende Welt der automobilen Urahnen ein – beispielsweise bei der Kronprinz-Wilhelm Rasanz am Niederrhein – so liegt es für den Teilnehmer nahe, auch auf anderer Ebene eine Zeitreise zu unternehmen. Ist man unterwegs in den historischen Fahrzeugen, so wirkt fast jeder moderne Gegenstand störend. Während man laufend auf Kühlwassertemperatur und Schmierung achtet, sich ohne Navigationsgerät orientiert und den Elementen ausgesetzt ist, zerstört beispielsweise der Griff nach der Digitalkamera jedes Mal eine (fast) perfekte Illusion. Was liegt daher näher, als es bei der Gelegenheit einmal wieder mit der guten alten Analogkamera zu versuchen? Filme gibt es ja nach wie vor und hochwertige mechanische Kameras sind für kleines Geld zu bekommen.

Wer es noch gelernt hat, mit einer Kamera ohne Autofocus, Belichtungsprogramme und zahllose Untermenüs zu fotografieren, der kann mit einer klassischen Analogkamera völlig unangestrengt und intuitiv arbeiten. Speziell das Spiel mit der Tiefenschärfe ist bei einem Apparat mit manueller Blendenverstellung und Abblendhebel unerreicht einfach und zuverlässig. Bei den altbewährten Spiegelreflexkameras von Nikon, Canon und Minolta können außerdem fast alle Einstellungen erfolgen, ohne das Auge vom Sucher zu nehmen. Auch dass man klar und deutlich genau das sieht, was auf das Bild kommt, war früher Standard bei vielen Amateurapparaten. Heute verfügen die meisten Leute nur über Digitalkameras mit einem Bildschirm, der in vielen Situationen das Fotografieren erschwert – abgesehen von der verkrampften und wenig vorteilhaften Haltung, die man beim Knipsen einnimmt. Wer heute bei einer Digitalkamera weiterhin einen klassischen Sucher bevorzugt, muss für diesen „Luxus“ viel Geld ausgeben und wird obendrein mit einer kaum überschaubaren Fülle an Funktionen überhäuft, die man im Alltag kaum so rasch abrufen kann, wie man sie eigentlich benötigt.

Hat man es dagegen mit einer vollmechanischen Kamera zu tun wie etwa der Nikon FM aus den 1970er/80er Jahre, ist man sogar gänzlich unabhängig von elektronischen Helfern. Vor allem beim Fotografieren in Schwarz-Weiß genügt das Beachten von ein paar Daumenregeln, um auch ohne Belichtungsmesser gute Ergebnisse zu erzielen. Und mechanisch kaum zu zerstören sind diese massiven Geräte überdies. Ähnliches gilt für die Objektive, die noch nach Jahrzehnten klaglos ihren Dienst auf höchstem optischen Niveau verrichten. Das hat dazu geführt, dass manche Digitalfotografen – wenn sie nicht ohnehin wie bei Nikon – die mechanischen Objektive nach wie vor am Bajonett befestigen können, Adapter nutzen, um sich die unübertroffene optische Qualität von einst zu sichern.

Bleibt die einzige echte Einschränkung bei Verwendung von historischen Analogkameras: die begrenzte Zahl der Fotos pro Film. Doch die entfaltet erzieherische Wirkung: Man macht sich mehr Gedanken, bevor man ein Bild verschießt und produziert dementsprechend weniger Ausschuss. Der dem analogen Film zugrundeliegende chemische Prozess führt auch zu Bildern mit einer anderen Anmutung als beim digitalen Fotografieren. Nicht zuletzt bietet die Entwicklung weitere gestalterische Möglichkeiten, die grundlegend andere Ergebnisse ermöglicht als die elektronische Bildbearbeitung. Kaum verwunderlich daher, dass die mit der Digitaltechnik groß gewordene Generation professioneller Fotografen inzwischen die analoge Technik zur Erweiterung ihrer Ausdrucksmöglichkeiten wieder entdeckt hat. Und auch für den Amateur bieten historische Apparate ein bezahlbares Vergnügen, bei dem man sich wieder ganz den eigenen Fähigkeiten und der Erfahrung anvertrauen muss. So lässt sich die Passion für historische Technik auch im Kleinen ausleben, ohne dass man dabei schmutzige Finger bekommt.

Die hier gezeigten Bilder von der „Rasanz 2015“ sind mit einer vollmechanischen Nikon FM von 1978 und einem Nikkor-Objektiv der Brennweite 135mm und Lichtstärke 2,8 entstanden. Verwendet wurde ein Film des Typs Agfa APX 100.

Text: Michael Schlenger

 

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