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Der Untergang der Marke Lancia

Lancia, einst der Inbegriff eines ingenieurgetriebenen und avantgardistischen Autobauers mit viel Feingefühl für oft schöne Formen ist grundsätzlich Vergangenheit. Das Unternehmen war lange Zeit eine der innovativsten Autohersteller. Es war ein italienisches Traditionsunternehmen, dessen Geschichte 110 Jahre zurück reicht. Seit 1969 war die Marke Lancia im Besitz von FIAT. Auch FIAT verabschiedete sich bereits 1982 mit allen Konzernmarken aus den USA und in Europa blieb ein trostloser Rest an Modellen rund um den Retro 500er.

Von Lancia wurde Technik vom Feinsten geboten, das ohne Rücksicht auf die Kosten und dieses Treiben wurde der Turiner Edelfabrik zum Verhängnis.

Lancia Geschichte

Gegründet wurde die Marke am 29. November 1906 von Vincenzo Lancia und Claudio Fogolin. Schon damals bestand eine enge Beziehung zu FIAT, da Lancia Werksrennfahrer bei FIAT war. Auch Lancias Partner Fogolin war ein FIAT-Testfahrer gewesen.

Lancia

Lancia

Bereits im Jahr 1908 kam der Tipo 51 und später der in Alfa 12 HP umbenannte Lancia Pkw. Nach damaligen Maßstäben beeindruckte der außergewöhnlich drehfreudige 2,5-Liter-Vierzylinder. Eine Blüte erlebte Lancia auch damals in den USA. Die Hollywoodstars wie Greta Garbo, Gloria Swanson, Marlene Dietrich oder Gary Cooper waren von den Modellen begeistert und Ernest Hemingway betrachtete Lancia als Marke für Literaten und Intellektuelle.

Lancia-Kreationen wurden eingekleidet durch bekannte Karossiers wie Ghia, Michelotti, Pininfarina, Touring oder Vignale.

Vor 110 Jahren waren es Neuerungen am laufenden Band, wofür Lancia stand. 1913 fuhr der Lancia Theta als erster Europäer mit serienmäßiger 6-Volt-Elektrik bei Lichtmaschine, Scheinwerfern und Anlasser vor. 1922 folgte der wegweisende Lambda mit selbsttragender Karosserie und vorderer Einzelradaufhängung sowie dem neuen Markenmerkmal eines V4-Motors mit engen Zylinderwinkeln. Dann kam der Lancia Aprilia von 1936 als Meilenstein in den kompakteren Klassen. Mit Einzelradaufhängung rundum und stromlinienförmiger Karosserie ließ er die Konkurrenten alt aussehen. Für Vincenzo Lancia war es die letzte Konstruktion. Der rastlose Ingenieur starb im Februar 1937 an einem Herzinfarkt. Das Unternehmen wurde von seiner Familie fortgeführt. 1950 debütierte der viertürige Aurelia mit Pontonkarosserie ohne B-Säule, der erste Großserien-V6 folgte, eine revolutionäre hintere Schräglenkerachse und die damals neue Transaxle-Bauweise. Ein technisches Meisterwerk, das Lancia zu viel Geld kostete. So fehlte es vorübergehend am Kapital für die Erneuerung der Produktionsanlagen.

Auch die Aurelia Modellreihe mit traumhaft schönen Coupés und Cabriolets und die Aktivitäten der Jahre 1954 und 1955 im Motorsport leerten die Kasse schneller als sie gefüllt werden konnten. Die Familie Lancia verkaufte 1955 ihre Firmenanteile an den italienischen Industriellen Carlo Pesenti. Auch Filmstars der Nachkriegszeit, zum Beispiel Brigitte Bardot und Jean-Paul Belmondo fuhren damals Lancia Autos aus Turin.

Zudem gab es ab 1957 mit der Flaminia ein Flaggschiff, das über den Dingen zu schweben schien. Als luxuriöse Limousine Presidenziale, schönes Coupé, schneller Super Sport oder Cabriolet konnte es die Flaminia mit Bentley und Aston Martin aufnehmen. Keine Überraschung deshalb, dass im James-Bond Abenteuer eine Flaminia gegen Bentley antrat. Die 1960er Jahre brachten neue progressive Lancia-Erfolgsträger wie Flavia und Fulvia hervor, aber die Kassenlage blieb so klamm, dass FIAT 1969 die marode Marke übernehmen musste. Nur so konnte die drohende Werksschließung und ein Verkauf an Ford verhindert werden. Zu neuer Größe stieg Lancia ab 1972 noch einmal mit dem Beta und seiner verzweigten Modellfamilie aus Limousinen, Shooting Brake, Spider und Sportcoupés auf. Derweil holte der keilförmige Stratos den ersten Rallye Weltmeister-Titel und eröffnete damit eine damals beispiellose Trophäensammlung, die der Lancia Delta in den 1980er Jahren fortsetzte.

Ein letztes Aufbäumen war der Lancia Thema von 1984 aus einer Gemeinschaftsentwicklung, der auch als Saab 9000 und als FIAT Chroma produziert wurde. Dann gab es nur noch Flops wie der Lancia Gamma 1976 und der eigenartige Thesis von 2002. Nur in Italien wurde das Erbe von Autobianchi wie A112, Y10 und Ypsilon verkauft.

Den absoluten Tiefpunkt erreichte die Marke 2011 mit einem Chrysler-Modell mit Lancia Logo für Europa. FIATS amerikanische Tochter Chrysler sollte zukünftig mit Italo-Versionen von Chrysler Voyager, als Lancia Voyager, 300 C, als Lancia Thema und 200, als Lancia Flavia das Überleben der Turiner Marke sichern helfen. Schlimmer konnte es kaum kommen.

Wenigstens etwas bleibt für Lancia in der Zukunft: In der Klassiker-Szene sind die Italiener bereits heute begehrt.

Lancia-Modellreihen ohne Wettbewerbsversionen seit dem Jahr 1936

  1. Aprilia 1936-1949: Limousine, Spider, Cabriolet
  2. Ardea 1939-1953: Limousine, Chassis, Lieferwagen
  3. Aurelia 1950-1958: Limousine, Chassis, Coupé, Spider, Cabriolet
  4. Appia 1953-1963: Limousine, Cabriolet, Coupé, Giardinetta-Kombi, GTE
  5. Flaminia 1957-1970: Limousine, Repräsentationsfahrzeug Presidenziale, Coupé, Sport bzw. Super Sport Coupé, Cabriolet
  6. Flavia (1960-1971; Limousine, Coupé, Sport, Cabriolet
  7. 2000 Weiterentwicklung der Flavia von 1971-1974: Limousine, Coupé
  8. Fulvia 1963-1976: Limousine, Coupé, Sport
  9. A 112 1969-1986: Kleinwagen, als Autobianchi eingeführt und ab 1977 im Export auch als Lancia vermarktet
  10. Beta 1972-1984: viertürige Schräghecklimousine, Coupé, HPE, Spider
  11. Beta Montecarlo bzw. Montecarlo bzw. Scorpion 1974-1981: Mittelmotor-Sportwagen
  12. Rally/037 1982-1985: Weiterentwicklung des Montecarlo
  13. Beta Trevi bzw. Trevi 1980-1984: Stufenhecklimousine auf Beta-Basis
  14. Stratos HF 1973-1975: Supersportwagen
  15. Gamma 1976-1984: viertürige Schräghecklimousine, Coupé
  16. Delta 1979-1995: fünftürige Kompaktklasse-Limousine, in Skandinavien auch als Saab 600
  17. Delta S4 1985-1988: Gruppe-B-Sportwagen auf Delta-Basis
  18. Prisma 1982-1989: kompakte Stufenhecklimousine
  19. Thema 1984-1994: Stufenhecklimousine, Repräsentationslimousine, Station Wagon
  20. Y10 1985-1995: Kleinwagen, in Italien als Autobianchi
  21. Dedra 1989-2000: Stufenhecklimousine, HPE, Station Wagon
  22. Delta II 1993-1999: fünftürige Kompaktklasse-Limousine
  23. Zeta 1994-2002: Großraumlimousine
  24. Kappa 1994-2001: Limousine, Station Wagon, Coupé
  25. Y 1995-2004: Kleinwagen
  26. Lybra 1999-2006: Limousine und Station Wagon
  27. Phedra 2002-2010: Großraumlimousine
  28. Thesis 2002-2009: Limousine
  29. Ypsilon 2003-2011: Kleinwagen
  30. Musa 2004-2012: Minivan
  31. Delta III 2008-2014: fünftürige Kompaktklasse-Limousine
  32. Thema II 2011-2014: Limousine auf Chrysler-Basis
  33. Flavia 2012-2014: Cabriolet auf Chrysler-Basis
  34. Ypsilon II seit 2011: Kleinwagen

 

 

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