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Märchenhaft… Fritz B. Busch erzählt die Geschichte seines Peugeot 203 Cabrio

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„Das Märchen von dem vergessenen Oldtimer in der alten Scheune, den man für einen Spottpreis rausholen darf, dieses Märchen werden Sie nicht einmal mehr hinter’m Ofen los“.

So pflegten Kenner der Oldtimerszene den naiven Frager zu ernüchtern. Im Prinzip haben Sie sogar recht, leider. Und dennoch passieren solche Sachen wie diese:

Ich testete einen Geländewagen, fuhr mit ihm durch die Wälder hinter Ste. Maxime und St. Tropez, gleich hinter der Cote d’Azur, da, wo man über einsame Waldwege und Brandschneisen, über Steingeröll und durch eine Schlucht stolpern kann, durch die irgendein Flüsschen gurgelt, dessen Namen ich vergessen habe.

Ich fuhr durch dieses Wasser hindurch, erklomm das gegenüberliegende, unwirtlich steile Ufer und gelangte drüben wieder in ein Waldstück.

Nach etwa zweihundert Metern erblickte ich zur Linken eine merkwürdige Anhäufung von Gestrüpp, das irgendetwas zu überwuchern schien, etwas, das hier und da noch hervorlugte. Es war schwarz und bleigrau und sah wie ein großer Felsbrocken aus – aber es war ein Automobil.

Peugeot 203 Cabrio im Automuseum von Fritz.B. Busch

Peugeot 203 Cabrio im Automuseum von Fritz.B. Busch © Fotoquelle und Bildrechte: Privates Archiv Busch

Ich erkannte es an einem Stückchen frei liegender Schnauze, und hier beginnt das Märchen…

Das verwitterte, durch Verfall entstellte Gefährt war das von mir einst so heiß geliebte, aber damals für mich ganz und gar unerschwingliche 203 Cabriolet von Peugeot aus den frühen Fünfzigern. Da schlummerte Dornröschen, auf den Prinzen wartend, und der war nun ich.

Ich, der ich seit Jahren den Buchtitel im Herzen trage „Wie man alte Autos liebt und junge Mädchen repariert“, ich stieß auf Dornröschen in einem finsteren Wald in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht spreche. Das Verdeck des Wagens war halb verfault, und deshalb waren es auch die Ledersitze, die Innenverkleidung und die Bodenplatte, durch die Farn ähnliches Grün zum Licht strebte.

Peugeot 203 Heck

Peugeot 203 Cabrio im Automuseum von Fritz.B. Busch © Fotoquelle und Bildrechte: Privates Archiv Busch

Für jeden anderen Wanderer wäre Dornröschen nichts als ein zahnloses, altes Weib gewesen, das er schleunigst links liegen gelassen hätte, ich aber entbrannte auf der Stelle in heißer Liebe. Ich tastete den Karosseriekörper ab, stieß dabei weder auf Rostkrümel noch –fetzen, und auch der Klopftest verlief positiv – Dornröschen klang nach gesundem Zweihundertliterfass.

Unter der Motorhaube war alles vorhanden, was da rein gehörte, und auch äußerlich war alles da, alles original, keine aufgepappten oder reingeschnittenen Verfälschungen.

Nur war Dornröschen vor Jahren mit einem grob strähnigen Pinsel entstellt worden, mit dem man schwarze und bleigraue Farbe auf ihrem Körper verteilt hatte. Ein Sadist musste das gewesen sein, ein Sittenstrolch übelster Sorte. Aber wo ist kein Bösewicht in einem Märchen?

Nun erst ließ ich suchend meine Blicke schweifen. Ringsum Waldeinsamkeit, Mittagshitze, kein Vogel sang, aber da drüben, kaum minder überwuchert wie das Wrack, lugte ein Hexenhäuschen durchs Unterholz.

Ich stapfte hinüber, klopfte zaghaft an die verwitterte Tür, sprungbereit auf den Angriff eines bissigen Hundes gefasst und wohl wissend, dass ich mich außer „Guten Tag“ und „Bitte ein Bier“ oder „Haben Sie einen Salade Nicoise“ nicht würde verständlich machen können.

Aber das Märchen hatte nun mal begonnen, und es war nicht aufzuhalten.

Es ertönte eine helle, freundliche Stimme. Danach rasselte ein Riegel, und dann stand sie vor mir – Schneewittchen. Jung und schön, freundlich und lächelnd, keine zwanzig Lenze, in einem dünnen, verwaschenen Kleidchen, und als ich zu stottern begann, sagte sie, wobei sie beruhigend ihre schlanke, braune Hand auf meinen Arm legte: „Lassen Sie nur, ich spreche Deutsch. Was haben Sie denn auf dem Herzen?“

Und wenn Sie mich mehrfach erschießen oder ganz einfach in der Luft zerreißen, das ändert nichts daran, dass diese Geschichte wahr ist bis in die letzte Zeile hinein.

Peugeot 203 Wrack auf Anhänger

Peugeot 203 Wrack auf Anhänger © Fotoquelle und Bildrechte: Privates Archiv Busch

Schneewittchen war auch zuständig für das Auto, das ihrem Freund gehörte, der sein Brot in St. Tropez als Gärtner verdiente. Er war nicht zu Hause, aber Schneewittchen ließ mit sich reden. Wir einigten uns so intensiv, dass ich schon eine Woche später mit angehängtem Tieflader anrückte. Ich wusste nun, dass man das Knusperhäuschen auch von Osten kommend, ohne die Schlucht und den Fluss durchqueren zu müssen, erreichten konnte. Der Weg begann gleich hinter Cogolin.

So fand ich mühelos die Stelle wieder, und alles war, wie vereinbart. Das Unkraut gerodet, die Reifen voller Luft, der Kaffee gekocht. Und Schneewittchen strahlte. Ihr Zwerg war, wie immer, früh zur Arbeit gefahren in die Gärten von St. Tropez.

Schneewittchen nahm das Geld, es war nicht mehr, als man für einen alten Käfer bezahlen muss, der gerade noch ein Jahr TÜV auf dem Buckel hat, und Stunden später rollte ich heimwärts durchs Rhonetal, wo mancher Franzose, als er Dornröschen sah, eine Vollbremsung machte.

„Wo haben Sie den denn gefunden?“ wurde ich gefragt, wenn ich tankte oder Kaffee trank. Und ich sagte schlicht in zweieinhalb Sprachen: „Schneewittchen hat ihn mir verkauft“.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann glauben sie es mir auch heute noch nicht.
Sogar der Zöllner am Grenzübergang bei Mülhausen äußerte Zweifel….

Hat mir Schneewittchen, als es diesen günstigen Preis machte, nun dieses begehrenswerte Automobil fast geschenkt? Natürlich nicht. Auch Märchen haben ihren Kern, der entweder Moral oder Lebensweisheit verkörpert oder gar beides. Bis man aus einer solchen Fundsache, aus dem Aschenputtel, eine Prinzessin macht, vergeht viel Geld.

Als erstes habe ich noch eine 203 Limousine als Ersatzteilwagen hinzugekauft, da steckte der bessere Motor drin. Auch etliche Fahrwerksteile wurden ihr entnommen. Die Bodengruppe des Cabrios musste TÜV-gerecht von einem Spezialisten geschweißt werden. Das Blech der Karosserie wurde mehr als 100 Stunden lang von einem gelernten Karosserie-Spengler bearbeitet, geschliffen, gespachtelt, ausgezinnt, bis die letzte Unebenheit verschwunden war.

Die Bremsanlage wurde erneuert, alle Buchsen und Lager am Fahrwerk ebenfalls. Auch die gesamte Elektrik bis zum letzten Kabel musste erneuert werden. Der Motor wurde überholt. Neue Stoßdämpfer und viele äußere und innere Neuteile, von der Stoßstange über die Türgriffe bis zur Auspuffanlage, den Gummiprofilen und dem sehr massiven und als Neuteil heustecknadelseltenen Gussteil auf dem Kofferraumdeckel, die Nummernschildleuchte, Schloss, Griff und Verzierung in einem ist, wurden in Paris eingekauft.

Die Karosserie wurde neu geräuschisoliert, das Verdeckgestänge und die dazu gehörigen Hölzer gerichtet und teils neu angefertigt. Die Frontscheibe ist neu.

Der Sattler fertigte das Verdeck neu, baute die verrotteten Sitze auf und überzog sie und den Innenraum mit Conolly-Leder. Die Bodenteppiche wurden ebenso neu angefertigt wie die Türverkleidungen. Das Lenkrad ist neu, die Bereifung rundum natürlich ebenfalls.

Für mich ist das alles selbstverständlich, reißt mich nicht vom Stuhl, ist einkalkuliert, Routine.

Aber es muss wohl doch einmal aufgezählt werden für jene, die beim Erwerb eines solchen Wagens – oder beim Träumen davon – meinen, es wäre mit einer Neulackierung getan. Oder auch: Ein neu Lackierter für ein paar tausend Mark sei ein guter Kauf. Die Lackierung ist noch das billigste.

Ich muss Sie aufklären, bevor in einem solchen Objekt nicht wenigstens dreißigtausend Mark stecken, taugt es nichts. Ein Grund zum Erschrecken. Gehen Sie doch mal mit diesem Betrag in der Tasche in die Automobil-Geschäfte und verlangen ein sehr gut aussehendes Cabriolet.
„Ich hätte gern so etwas wie die Prinzessin…“
Oho, der Verkäufer hat diese Geschichte gelesen.
„So etwas führen wir nicht mehr, leider, ist restlos ausverkauft und kommt auch nicht wieder rein.“

Das war mal ein ehrlicher Mann, Donnerwetter.
Das gab’s nur einmal, das kommt nicht wieder.
Aber zum Teufel, warum eigentlich nicht?

Das werden sich eines nahen Tages so viele Käufer fragen, dass vielleicht etwas geschieht?
Inzwischen gibt es auf Drängen des Käufers hin schon eine ganze Menge Oben-ohne-Autos.

Weshalb soll es nicht eines Tages welche geben, die auch noch gut aussehen?

Quelle Text und Fotos: Fritz B. Busch hat in seinem Leben das Jahrhundert der Motorisierung nicht nur miterlebt und auf seine Weise kommentiert, sondern auch mit seinem Museum dokumentiert und damit der Nachwelt erhalten.

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