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Deutsche Rennfahrerikone der Zwanzigerjahre: Karl Kappler

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Die Namen der großen deutschen Rennfahrer aus der Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg sind auch heute noch vielen geläufig: Hans Stuck, Rudolf von Brauchitsch, Hermann Lang, Rudolf Caracciola und der unvergessene Bernd Rosemeyer. Ihre legendären Siege fielen in eine Zeit, in der der Automobilrennsport eine Staatsangelegenheit war und der Ablauf der großen Rennschlachten über noch relativ junge Medien wie Radio und Film im gesamten Deutschen Reich verbreitet wurde.

In den 1920er Jahren dagegen waren die Möglichkeiten der Berichterstattung in Bild und Ton noch recht bescheiden. Von den Rennsportereignissen auf deutschem Boden in jener Zeit sind daher nur wenige und meist kurze Dokumentationen in Form von Filmaufnahmen oder Radioreportagen erhalten. Zwar waren bei den unzähligen Veranstaltungen lokaler und nationaler Bedeutung stets auch Journalisten und Fotografen zugegen, ihre Berichte und Bilder haben aber nicht dieselbe Verbreitung gefunden, wie das in späteren Jahren üblich wurde. So ist es zu erklären, dass viele Ereignisse aus dem Rennsport der «Goldenen Zwanziger» und die Idole der damaligen Zeit kaum Eingang in das öffentliche Bewusstsein gefunden haben und in Vergessenheit geraten sind. An eine der herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Rennsportszene der 1920er Jahre soll an dieser Stelle erinnert werden: Karl Kappler.

Mit weit über 200 Siegen bei Rund-und Bergrennen, Rallyes und Langstreckenfahrten war Karl Kappler einer der erfolgreichsten deutschen Rennfahrer nach dem Ersten Weltkrieg. Kappler wurde 1891 in dem kleinen Schwarzwaldort Gernsbach geboren und zeigte früh Interesse an der noch jungen Erfindung des Automobils. Im Alter von 15 Jahren begann er eine Mechanikerausbildung bei der Süddeutschen Automobilfabrik Gaggenau (SAF/SAG) den späteren Benzwerken Gaggenau. Offenbar ließ er so viel Talent und Begeisterung erkennen, dass man den noch Minderjährigen umgehend für Fahrzeugüberführungen einsetzte. Dazu machte er im Jahr 1906 den Führerschein, kurz nachdem dies im Deutschen Reich Pflicht geworden war. Damit war Kappler nicht nur einer der ersten Inhabern eines Autoführerscheins in Deutschland, sondern war vermutlich auch der jüngste.

SAF Gaggenau vor Wk1

SAF Gaggenau vor Wk1 © Fotoquelle und Bildrechte: Archiv Michael Schlenger

Schon ein Jahr später, 1907, nahm er an seinem ersten Rennen teil – zunächst noch als Beifahrer. 1908 und 1909 durfte er wiederum als Schmiermaxe an der Herkomer-Fahrt und der Prinz Heinrich Fahrt teilnehmen. Im Anschluss an seine Mechanikerausbildung absolvierte Kappeler ein Ingenieursstudium. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war er dann in der Flugzeugmotorenabteilung des Benz-Werks Gaggenau tätig. Im Krieg wurde er an verschiedenen Stellen der Westfront eingesetzt, wurde dann aber aufgrund seines Ingenieurswissens zurückbeordert und war an der Entwicklung von Kampfflugzeugen beteiligt.

Benz Flugmotoren 1916

Benz Flugmotoren 1916 © Fotoquelle und Bildrechte: Archiv Michael Schlenger

Nach dem Kriegsende hatte man für ihn keine Verwendung mehr und so begann er 1919 eine Tätigkeit als Verkäufer für Daimler-Benz. 1921 machte er sich selbstständig und unterhielt eine Verkaufsstelle für diverse Automobilzulieferer wie Bosch und Continental.

Seinen ersten Renneinsatz als Fahrer absolvierte Kappler im Jahr 1922 beim Baden-Badener Automobilturnier. Dort trat er mit einem Benz Gaggenau an, der über einen 6,5l Achtzylinder mit 85 PS verfügte. Im Jahr darauf errang er beim Kasseler Herkulesbergpreis den Klassensieg auf einem 1,5 l Benz Tourenwagen mit nur 18 PS. Ab 1924 setzte er dann wiederholt Mercedes Kompressorwagen mit 1,5 Liter und 65 PS bei einer Reihe regional und überregional bedeutender Motorsportveranstaltung ein, darunter dem Herkulesbergrennen in Kassel, dem Bergrennen Pforzheim und dem Klausenpassrennen.

Im Jahr 1926 verwendete Kappler erstmals einen Simson Supra, einen für damalige Verhältnisse enorm spurstabilen und spurtstarken Sportwagen. Dieses Modell verfügte über einen 2l Vierzylindermotor mit zwei obenliegenden Nockenwellen, Königswellenantrieb und vier Ventilen pro Zylinder. Die Leistung von 50 bis 60 PS erlaubte zusammen mit dem niedrigen Wagengewicht von 700 kg eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 165 km/h. Die größte Stärke des Wagens lag aber in der sicheren Straßenlage. Diese ergab sich aus der relativ breiten Spur und der weit hinter die Vorderachse verlegten Einbauposition des Motors. Zusammen mit den außergewöhnlich großdimensionierten Bremsen war der Simson Supra ein geradezu ideales Fahrzeug für Bergrennen, denn er erlaubte ein sehr spätes Anbremsen vor einer Kurve und wies ein hervorragendes Spurtverhalten aus der Kurve heraus auf. Mit dem Simson Supra war Kappler auch in späteren Jahren immer wieder in unterschiedlichen Rennen erfolgreich. Leider sind von dem hervorragend konstruierten Modell aus Suhl nur rund 30 Exemplare gebaut worden, von denen keines überlebt hat. Ab 1927 absolvierte Kappler diverse Rennen auf einem Bugatti 35 T, einem von nur 13 gebauten Exemplaren. Dieses Auto ist heute noch erhalten.

Bugatti 35

Bugatti 35 © Fotoquelle und Bildrechte: Michael Schlenger

Eine Spezialität von Karl Kappler war es, dass er bei vielen Rennen mit zwei Fahrzeugen in unterschiedlichen Klassen antrat. Nicht selten trug er so auch zwei Siege davon. Zu den bedeutenden Rennveranstaltungen jener Jahre, an den Kappler erfolgreich teilnahm, gehörten das Freiburger Schauinslandrennen und das Wiesbadener Nerobergrennen. Vermutlich einzigartig ist Kappler Siegesserie beim Herkulesbergpreis in Kassel, der von 1923 bis 1927 ausgetragen wurde. Kappler nahm nicht nur als Einziger an allen Rennen teil, sondern er wurde auch jedes Mal Klassensieger.

In den letzten Jahren seiner aktiven Rennfahrerkarriere trat Karl Kappler wiederholt gegen den aufsteigenden Stern am deutschen Rennfahrerhimmel, Rudolf Caracciola, an. Allerdings fuhr Kappler meist in einer Klasse unter diesem, sodass er nur selten Gelegenheit hatte, sich mit Caracciola direkt zu messen. Im Jahr 1927 nahm Kappler am Großen Preis von Deutschland am Nürburgring teil. Dort lag er mit seinem Bugatti 35 C (mit Kompressor) zunächst gut im Rennen, erlitt aber später aufgrund eines technischen Defekts einen Unfall, einen von nur zwei in seiner gesamten Laufbahn. Auch im darauffolgenden Jahr fiel Kappler am Nürburgring wegen eines Defekts an seinem Bugatti aus.

Ende der 1920er Jahre ging die Zeit der Herrenfahrer, die weitgehend ohne Werksunterstützung auskommen mussten, unweigerlich zu Ende. Karl Kappler verkörperte diesen Typus wie wohl kein zweiter deutscher Rennfahrer jener Zeit. Fast immer absolvierte er seine Rennen im Jackett mit Oberhemd und Krawatte, statt eines Helms trug er allenfalls eine Schiebermütze. Sein stets stilsicherer Auftritt und seine sympathische Ausstrahlung trugen sicher ebenfalls zur enormen Popularität Kapplers bei den Rennsportfreunden bei.

Ab 1930 verlegte sich Kappler auf Fern- und Zuverlässigkeitsfahrten, die damals große Popularität genossen und den Fahrer oft Unglaubliches abverlangten. Trotz seines fortgeschrittenen Alters konnte Kappler in dieser Disziplin weiterhin zeigen, was in ihm steckte. So absolvierte er 1934 die 2.410 km lange Strecke Budapest-Berlin-Wiesbaden mit einem Mercedes-Benz 200 in einer Zeit von 34 Stunden. Daraus ergab sich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 70 km/h auf oft unbefestigten öffentlichen Landstraßen. Kapplers letzter Einsatz als Sportwagenfahrer sollte die Teilnahme an der Ostpreußenfahrt 1935 im Werksteam von Mercedes-Benz werden.

Nach Beendigung seiner aktiven Rennfahrerkarriere war Kappler weiterhin als Händler in der Automobilbranche tätig. Noch kurz vor seinem Tod im Jahr 1962 wurde er von der ADAC Motorwelt zu seinen Erlebnissen als Rennfahrer interviewt. Anschließend ist Karl Kappler weitgehend in Vergessenheit geraten. Jedoch haben private Sammler vor einigen Jahren die noch vorhandenen Dokumente und Bilder aus Kapplers Rennsportkarriere zusammengetragen und auf dieser Grundlage eine umfassende Biografie des populären deutschen Rennfahrers der Zwanzigerjahre erstellt:

„Im Donner der Motoren – Die Geschichte des erfolgreichsten Rennfahrers der 1920er Jahre“ von Martin Walter, 2004. Das Werk glänzt nicht nur durch seine lebendige und detailreiche Darstellung von Kapplers Leben, sondern auch durch eine Vielzahl ausdrucksstarker Bilder in meist hervorragender Qualität. Das Buch stellt eine angemessene Würdigung des Rennfahrers und Menschen Karl Kappler dar und lässt ein zu Unrecht übergangenes Kapitel deutscher Motorsportgeschichte wieder lebendig werden.

Das Buch ist im einschlägigen Buchhandel und bei eBay in neuwertigen Restexemplaren erhältlich und ist ein Geheimtipp für jeden Freund des historischen Motorsports.

Text: Michael Schlenger

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