Artikelformat

Fritz B. Busch über das Automobil, das er sich zum 70. Geburtstag schenkte

Werbung

Die Motorhaube ist lang, das Lenkrad ist groß, die Räder sind noch größer, zwanzig Zoll. Und jeder Zoll ein Gruß von gestern. Dazu dieser Tag, diese Gegend und dieses Wetter. Der Himmel ist blau, die Wolken sind so weiß wie der Schnee auf den Gipfeln der Berge, und die Luft schmeckt wie Champagner.

Die Straße flitzt unter mir weg, ich könnte sie berühren – nur den Arm fallen lassen. Aber Vorsicht! Nicht mit der Hand in die Speichen kommen. Die Räder stehen frei, mal knirschen sie über die Piste, mal brettern sie. Und manchmal singen sie, bevorzugt auf Asphalt. Ich fahre Pass aufwärts in den Himmel hinein. Im Schlager jener Jahre war es „der siebente Himmel der Liebe“. Das trifft den Kern. Ich bin verliebt in diesen Wagen, und er hat mir noch gefehlt in meiner Spielzeugkiste.

Fritz B.Busch im SSK

Fritz B.Busch im SSK © Fotoquelle und Bildrechte: Privates Archiv Busch

Er ist so etwas wie eine vierbeinige Harley Davidson, ein Ding wie einst, nur technisch gereift. Und die Harley kauft man sich auch neu, obwohl man die alte meint. Ein Original SSK war ohnehin nicht aufzutreiben, und wenn doch, woher hätte ich die vielen Millionen Dollar hernehmen sollen? Deshalb dieser. Kein SSK, aber ein Auto dieses Zuschnitts. Ein Neuwagen, der am Windkanal vorbeifuhr, und der nicht tiefer-, sondern höher gelegt wurde. Wer hätte gedacht, dass das so viel Spaß bringt.

Ich schaue den Vorderrädern zu. Wie sie hüpfen, wie sie einlenken, wie sie sich in die Kurve verbeißen, wie sie stürmen. Hin und wieder zischt ein aufgescheuchtes Steinchen an meinem Arm vorbei. Ich ziehe ihn dann ein wenig ein.

Ich blicke nach vornüber die lange, mit Lüftungsschlitzen tätowierte schlanke Motorhaube und ziele durch den Stern hindurch auf die nächste Kurve. Er steht da nicht von ungefähr, denn die gesamte Technik unterm Blech stammt „vom Daimler“, so, wie bei der Harley vom Davidson. Bei Replikas gibt es eine Faustregel: Es darf nicht wehtun. Manche schmerzen aber derart, dass man aufschreien möchte.

SSK im Automuseum

SSK im Automuseum © Fotoquelle und Bildrechte: Privates Archiv Busch

„Für das Geld“, sagte vorhin einer, als ich unter einem bunten Campari-Schirm einen solchen trank, „hätten Sie aber auch schon einen Porsche bekommen oder gar einen SL“. Er hat ja Recht, der brave Mann. Der Depp bin ich. Aber schon mein Religionslehrer sagte: “Selig sind, die arm im Geiste sind, sie kommen in den Himmel“. Gleich bin ich oben.

Die Luft ist nun so durchsichtig, als gäbe es sie nicht, und es wird kühler. Jemand hat Eiswürfel in den Champagner getan. Aber wer? Ich bin allein hier oben. Die tausend Anderen schnorcheln tief unten durch die Röhre, folgen dem voraus fahrenden Auspuffrohr wie der Dackel dem Kaninchen quer durch den Bau und versuchen, acht Kilometer lang die Luft anzuhalten. Ihrer Gesundheit zuliebe.

Dabei könnten sie der Adler sein, der über den Höhen und Tälern schwebt. Ein Adler ist eine ganz alte Konstruktion, die durch nichts zu ersetzen ist, selbst wenn es aus dem Computer käme. Es gibt noch immer keine stark verbesserten de Luxe oder GT Adler. Auch lässt sich nirgends ein Spoiler anbringen. Also gibt es auch Automobilformen, die man nicht verwässern kann, wie diese hier.

FBB -sitzt im SSK im Automuseum

FBB -sitzt im SSK im Automuseum © Fotoquelle und Bildrechte: Privates Archiv Busch

Man umgab den sehnigen Körper mit einem Dress. Da ist kein Fetzchen Stoff zu viel. Das Auto wäre dann schon nackt. Und dieser Stoff ist feinster Zwirn: Edelstahl vom Scheitel bis zur Sohle. Wie schon erwähnt, im Windkanal war das Auto nicht. Deshalb steht er noch. Und deshalb sieht er, dürftig bekleidet, so sexy aus. Ich könnte stundenlang hingucken, ohne mich zu langweilen.

Und außerdem hat Carraciola den richtigen SSK, der genauso aussah, durch die Gassen Monte Carlos gedroschen, dass den Anderen Hören und Sehen verging. Er vermisste den cw-Wert nicht. Aber er hatte fast dreihundert PS unterm Gasfuß, wenn er den Kompressor zuschaltete.

Ob er es war, der die Drehbuchschreiber zu dem Film „Bomben auf Monte Carlo“ inspirierte? Könnte sein. Der Film kam 1931, als Carratsch auf SSKL gerade die Mille Miglia gewann. Im unvergessenen Filmschlager heißt es in der letzten Strophe nach „Eine Nacht in Monte Carlo“ ganz unromantisch: „Hab keine Mittel mehr am Mittelmeer“. Hans Albers sang das, wer sonst?

Und außerdem stimmte es. Damals war Weltwirtschaftskrise. Sie war so unbarmherzig, dass sich Carracciola im Jahr 1930 seinen SSK selber kaufen musste, weil der Mercedes Rennstall keine Mittel mehr hatte. Solche Zeiten waren das. Deshalb nenne ich dieses Auto „Monte Carlo 1930“. Zum einen schwärmend für das Monte von damals, das unser aller Traumziel war, zum anderen in Gedanken an das Jahr, in dem auch ein Carratsch seinen SSK selber bezahlen musste.

Monte Carlo 1930, das sagt jedem, der damals schon lebte, eine Menge. Wir hatten die Gnade der frühen Geburt. Wir sahen den SSK fahren, den Bugatti, den Dixi, das Hanomag Kommissbrot, den Ford A und den Maybach Zwölfzylinder. Und alles, was danach kam.

Eines Tages erfanden sie die selbsttragende Karosserie, und da geriet das Automobil zwangsläufig zur Schachtel mit Rädern dran.

„Wer wird denn weinen….“ Sagen wir, und weinten doch. Man soll nur mit Bergschuhen in die Berge. Nicht nur der Trenker – Luis hat das gepredigt. Ich ergänze: Man soll die Pässe nicht mit Limousinen machen! Das ist Bergfrevel.

Für mich sind die Gipfel zum Greifen nah. Ich beiße in die Höhenluft, wenn sie um die Frontscheibe herum kommt und meine Haut massiert. Ich rieche das Schmelzwasser, das eiskalt herab rinnt an den Hängen. Ich blicke den Kondensstreifen der Boeing nach, die nach Milano fliegt, nur wenig höher als ich und kaum schneller.

Oh, die Champagnerluft tut ihre Wirkung. Ich bin berauscht, will mit dem Adler um die Wette kreisen. Und das schönste aller Gefühle bemächtigt sich meiner: Ich lebe! In der Limousine, so sage ich, muss einen daran das Radio erinnern.

Nicht minder wohl, ich weiß das, fühlt sich mein Motor. Der Zweieinhalbliter-Sechszylinder steht aufrecht im Fahrtwind, von Lüftungsschlitzen umgeben. Ich höre ihn fröhlich schaffen. Ja, man hört ihn, und das gehört dazu. Damals wurden die Motoren nicht unter Dämm-Matten und Antidröhnmasse begraben. Die Musik unter der Haube ersetzte das noch nicht erfundene Autoradio gar trefflich, sie war das bessere Programm. Wir lauschten hingerissen. wenn man die Haube öffnet, steht der Sechszylinder vor einem wie ein Ausstellungsstück. Mir läuft jedes Mal das Wasser im Munde zusammen, als wäre er ein Spanferkel. Und die Anderen sagen überrascht: Oh!

So haben sie nämlich noch nie einen Motor in einem Automobil stehen sehen, seit man nur noch von oben runter auf irgendein Chaos blicken kann, das wie ein Rätselbild aussieht: Wo versteckt sich der Osterhase? Hier könnte man seine Sportmütze an einer Zündkerze aufhängen, wenn sie einen beim Basteln stört. Zum Ölmessstab und zum Verteilen kann man Grüß Gott sagen.

Die Versuchung, den Motor so sauber zu halten wie das Blech, ist groß. Deshalb tut man’s mit Hingabe. Und deshalb ist auch die Harley noch immer nicht vollverkleidet, und deshalb hat der Morgan noch kein elektrisches Verdeck.

Das Fadenkreuz ganz vorne zeigt jetzt nur noch Himmel, ich bin oben.

Zwei, drei Gasstöße, so gemeint, wie der Bergsteiger jodelt, wenn er am Gipfelkreuz angekommen ist, dann die Handbremse rein und Zündung aus. Die Haut brennt, ein Auge tränt, die Kehle ist trocken. Wie damals. Deshalb haben sie oben auf der Passhöhe die Wirtshäuser gebaut. Schon die Fuhrleute und die Zugtiere genossen das Gefühl, den Berg bezwungen zu haben. Ich lausche dem Knistern und Murmeln, das unter der Haube wabert, wo Flüssigkeiten gurgeln, Metall sich entspannt und es nach Öl, Gummi, heißem Staub und Benzin riecht.

Da ist der Augenblick, in dem ich meinen Autos einen Klapps gebe, vorausgesetzt, sie sind von gestern. In die von heute klopft man da leicht eine Delle, ohne dass sie wüssten, wie es gemeint war.

Mit ihm will ich nichts und niemanden vernaschen, keine Kolonne aufrollen, keine Bestzeit herausfahren. Deshalb ist es auch völlig unwichtig, wie spitzenschnell er ist. Alle fragen sie mich das in völliger Verkennung seines Daseinszwecks. Ich beantworte diese Frage nicht, zumal ich sie nicht höre, weil mir schon bei hundertzwanzig die Welt um die Ohren fliegt.

Was habe ich von zweihundert, die ich nicht spüre? Das ist wie duschen, ohne nass zu werden. Wer da hinterher prustet, der zieht eine Schau ab. Mit einem Gasfuß wird jeder geboren, mit Benzin im Blut höchstens jeder Zehnte. Mit ihm will ich Berge, Pässe und landschaftlich reizvolle Schlängelstraßen machen. Und Brötchen holen. Er darf das, denn er atmet bleifrei ein und pufft entgiftet aus. Es war einfach notwendig, diesen Wagen anzuschaffen, sogar Liane sah das ein. Mein Hausarzt auch. Nur die Krankenkasse sträubt sich noch, aber ich habe den Betrag schon mal verauslagt.

Er wirkt besser als Knoblauchpillen und vor allem schneller. Das spüre ich an jedem Abend, wenn ich heimkomme. Ich bin dann aufgekratzt wie damals, als Heinz Rühmann sang: „Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn…“ – und nicht so irritiert wie heute, wenn der Verkehrsminister mal wieder ein Ei gelegt hat.

Hinter seinem Lenkrad vergisst man mühelos, an morgen zu denken. Es kommt so oder so, und ich fürchte, es wird verdammt nach Lebertran schmecken.

Quelle Text und Fotos: Fritz B. Busch hat in seinem Leben das Jahrhundert der Motorisierung nicht nur miterlebt und auf seine Weise kommentiert, sondern auch mit seinem Museum dokumentiert und damit der Nachwelt erhalten.

Werbung

 

Werbung

 

Danke sagen!
Die Redaktion freut sich über eine kleine Unterstützung von 5,00 € oder das Teilen des Beitrags:

Zum Lesen und Ansehen empfohlen