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Was ich beim Goodwood Revival Meeting erlebte

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Im September fand im südenglischen Goodwood das schon legendäre „Revival Meeting“ statt. Legendär deshalb, weil es weltweit keine andere Klassiker Veranstaltung mit Attraktionen zu Land und in der Luft geben dürfte, an der die Örtlichkeit, das Programm und die Zuschauer zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen.

Mit dem Revival-Meeting wird eine einzigartige Tradition fortgeführt. In den 1930er und 40er Jahren wurde auf den Ländereien des Earl of Goodwood ein Flugplatz der Royal-Air-Force eingerichtet, der in der Luftschlacht um England 1940 von Bedeutung war. Um den Materialtransport und die Bewegungen der Flugzeuge am Boden zu erleichtern, wurde rund um die Anlage nach rein zweckmäßigen Erwägungen eine Ringstraße angelegt.

Goodwood-Revival Aston-Martin 5

Goodwood-Revival Aston-Martin 5 © Fotoquelle und Bildrechte: Michael Schlenger

Besagte Ringstraße wurde in den späten 1940er Jahren kurzerhand zur Rennstrecke ausgebaut. Bis in die 1960er Jahre wurden dort vor allem Sport-und Tourenwagen-Rennen, aber auch Grand-Prix-Läufe abgehalten. Namen wie Stirling Moss sind untrennbar mit dieser Strecke verbunden – hier wurde Renngeschichte geschrieben. Nach dem Ende der Rennaktivität wurde die Strecke zu Testzwecken weiter benutzt, praktisch war sie nie außer Betrieb. In den 1990er Jahren verwirklichte der Enkel des besagten Earl of Goodwood dann seinen Traum von einer Reaktivierung der Anlage als Rennstrecke.
Nach einer weitgehenden Rekonstruktion des historischen Zustands wurde der Goodwood Racing Circuit 1998 mit dem ersten „Revival-Meeting“ grandios wiederbelebt. Von Anfang an gehörten neben Rennen mit Fahrzeugen der 1940er bis 60er Jahre auch Flugvorführungen mit zeitgenössischen Jagdmaschinen und Bombern zum Programm. Und von Anfang wurden die Besucher ermuntert, dem Treiben in ebenso zeitgenössischer Kleidung beizuwohnen.

Das Ergebnis ist schlichtweg überwältigend. Wer das erste Mal am Revival-Meeting teilnimmt, braucht den ersten Tag allein dafür, sich an die Dimensionen des Spektakels und die schiere Flut an Eindrücken zu gewöhnen. Von morgens bis abends folgt ein Rennen auf das andere, kein Schaulaufen oder Gleichmäßigkeitsfahrten, hier wird schnell und riskant gefahren, ganz genau wie damals. Das Material wird nicht geschont, Rempler oder dieses Jahr auch Überschläge kommen vor. Dank des sicherheitsorientierten Ausbaus der Strecke und des gegenüber früher verbesserten Insassenschutzes gehen Unfälle aber meist glimpflich aus. Auf die Strecke gelangen nur Fahrzeugtypen, die auch in den historischen Rennen vertreten waren. Neben Privatfahrern sind häufig auch Profis am Start, die aus den Fahrzeugen oft das Letzte herausholen.

Der bisweilen infernalische Lärm und die Abgasschwaden scheinen das Publikum nicht im Mindesten zu stören, im Gegenteil. Selbst elegante Damen im feinen Kostüm der 50er Jahre verfolgen von der Picknickdecke aus das Geschehen und nehmen Windböen und Nieselregen mit britischer Nonchalance zur Kenntnis. Säuglinge werden kurzerhand mit historischen Kinderwagen über das Gelände kutschiert, und wer gerade laufen kann, trägt oft auch schon einen Miniatur-Mechanikeroverall oder ein Kleidchen im Stil der frühen Nachkriegszeit.

 

Frappierend ist der für eine Motorsportveranstaltung hohe Anteil an weiblichen Besuchern. Es muss die Lust am femininen Stil der Zeit sein, die Damen jeden Alters verleitet, modisch alle Register zu ziehen. Während die Herren der Schöpfung es oft bei einem Tweed-Jackett, klassischem Schuhwerk und Schiebermütze belassen, läuft die weibliche Begleitung von Kopf bis Fuß zu ganz großer Form auf – oft muss man an Filmstars der Zeit denken, so überzeugend ist der Eindruck.

So kann man sich stundenlang über das Gelände treiben lassen und das Publikum bestaunen, während überall historische Autos, Motor- und Fahrräder unterwegs sind. Auch die Anreise aus dem benachbarten Chichester lässt sich stilvoll in einen Dutzend Oldtimerbusse oder -Taxis bewältigen. Zwischendurch geht der Blick zum Himmel, wenn dort zwei-, drei- oder gar viermotorige Maschinen majestätisch ihre Bahn ziehen und Jagdflugzeuge aus der Zeit der „Battle of Britain“ ihr enormes Leistungsvermögen (ansatzweise) zeigen.

Am Boden gibt es dann das Angebot zahlloser Verkäufer hochwertiger Vintage-Waren zu begutachten – ob Kleidung, Schmuck, Gepäck, ob Modelle, Accessoires für Fahrzeuge oder die Garage, ob Werkzeug oder Restaurierungshilfen, ob Bücher, Bilder und Broschüren zu speziellen Typen – hier wird man fast zwangsläufig fündig.

Wer immer noch nicht genug hat, kann sich im Fahrerlager herumtreiben, wo einfach mal ein Dutzend Ford GT-40 herumstehen, Motoren repariert werden oder warmlaufen. Nebenan gibt es dann ein Diorama mit britischen und amerikanischen Soldaten mit Uniformen, Fahrzeugen und Kriegsgerät der 40er Jahren. Schnell findet man es normal, dass einem im Gewimmel junge Jagdpiloten mit Schwimmweste begegnen oder Armee-Sanitäterinnen und Frauen im Arbeiterdress, die aussehen, als seien sie gerade aus der Munitionsfabrik gekommen. Dann steht man plötzlich vor einer Gruppe Rocker aus den 60ern mit schweren englischen Ein- und Zweizylinder-Motorrädern, nebenan spielt eine Band und zwei Dutzend Paare von 16 bis 66 tanzen begeistert – und gekonnt – dazu.
Geht man dann benommen und betäubt von sinnlichen Eindrücken zurück zum eigenen Wagen, führt der Weg durch endlose Reihen an klassischen Fahrzeugen. Verlässt man das Areal und fährt die nächste Tankstelle an ,ist man womöglich immer noch umzingelt von MGs, Jaguars, Austins, Bentleys oder was auch immer die britische Automobilgeschichte hervorgebracht hat. Abends stehen die Gefährte dann vor den Pubs und B&Bs der Gegend. Das Einzige, was stört, sind die unförmigen modernen Wagen dazwischen…

„A magical step back in time“ ist das Motto des Goodwood-Revival-Meeting, und genauso ist es: Eine Zeitreise, die einen verzaubert und nicht mehr loslässt, wenn man sie einmal erlebt hat. Zugegeben, das Ganze hat seinen Preis und will gut geplant sein. Aber das gilt auch für jeden Urlaub. Die Karten für das Festival sollte man zum Jahreswechsel geordert und eine Unterkunft am besten schon ein Jahr im voraus gebucht haben. Die passende Kleidung findet sich bei „ebay.co.uk“, wo es eigene Rubriken für Vintage-Mode gibt. Jacketts oder Anzüge im Stil der 60er Jahre sind auch aktuell sehr en vogue und bei einem gut sortierten Herrenausstatter zu bekommen. Schmuck, Uhren, Kameras und Brillen der 1940er bis 60er Jahre gibt es ebenfalls bei ebay. Was noch fehlt, bekommt man direkt beim Goodwood Revival Meeting.

Während hierzulande gerne über angebliche Nachwuchsprobleme lamentiert wird, lehrt ein Besuch in Goodwood, dass klassische Automobile und Motorräder eine unglaublich große und sehr lebendige Anhängerschaft haben, bei Männern wie Frauen und in allen Altersgruppen. Es ist die Präsentation, die den Unterschied macht…

© Gastbeitrag, Fotoquelle und Bildrechte: Michael Schlenger

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