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Böhmerwald mit klassischer Mobilität entdeckt

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Mehrere Freunde klassischer Mobilität aus drei Ländern beschlossen den in Tschechien liegenden und weniger bekannten Böhmerwald zu bereisen. Eine unabhängige Jury wählte nach strengen Kriterien das Startfeld aus. Die Vorgaben für die Fahrtroute waren ebenfalls sehr anspruchsvoll. Jeder musste die Farbenfolge der Autos „weiss und rot“ einhalten. Start- und Ankunftszeiten sollten ebenfalls genau beachtet werden. Es gab keine Strafpunkte, sondern eine Verspätung kostete jeweils am Abend eine Runde an die übrigen Teilnehmer.

Die Anreise wurde „Sternfahrt nach Böhmerwald“ getauft. Die Woche im Gebirge war dann die „Rallye Susice“. Am Schluss der Reise zeigte der Tachometer 1.700 km mehr und keines der Fahrzeuge hatte eine Panne.

Die längste Anreise auf eigener Achse bewerkstelligte Mirek aus Karlsruhe, zweiter war Jirka aus Zürich, dritter war Tomas aus Lindau, Pavel kam aus Hradec Kralove, die geringste Entfernung hatte Gusta Havel, genannt „Major“. Major aus Susice, ist am „Tor des Böhmerwaldes“ zu Hause. Er hatte mit Vendy ein attraktives und anspruchsvolles Programm zusammengestellt. Kultur, Geschichte, gastronomische Experimente und Naturparks wechselten sich unregelmässig ab.

Skoda Felicia und Spartak

Skoda Felicia und Spartak © Fotoquelle und Bildrechte: Dr. Georg W.Pollak, sc.

Der Start war am Marktplatz in Susice. Zum Beginn war ein Besuch im renovierten lokalen Museum ein Punkt der Tagesordnung. Susice hatte eine Jahrhunderte alte Tradition in der Herstellung von Streichhölzern. Die Firma SOLO-Susice ist weltberühmt gewesen und davon blieb lediglich ein Name übrig. Klassische Mobilität erregte auch auf dem Marktplatz das Interesse von Passanten. Diese fotografierten mit und ohne Kinder. Dann ging es zum Hausberg hinauf und eine sagenumwobene Kirche des Hl. Archengel Gabriel stand auf dem Programm. Von der Anhöhe hatten wir einen guten Überblick über die Stadt Susice. Nur wenige Kilometer weiter in Albrechtice wartete auf uns eine Erfrischung vor dem steilen Anstieg, natürlich zu Fuss. Die Wanderung führte bis auf 902 M.ü.M zum Holz-Aussichtsturm „Sedlo“. Es sollte aber nicht die letzte herausfordernde Wanderung werden.

Nach dem Abstieg und wieder im Tal angekommen, konnten wir das beste Echt-Frucht-Eis genießen. Die Dame im Kiosk bestand auf ein Foto des von ihr zum „Best of Show“ bestimmten Oldtimers Spartak. Diesen Wunsch erfüllte wir Ihr gerne nach der Köstlichkeit der Erfrischung. Kulturell war am Abend der Besuch eines Konzertes angesetzt. Austragungsort war die höchstgelegenen Synagoge des Landes.

Unvergesslich blieb uns die erschütternde Ausstellung über die Zerstörung vieler Dörfer im Grenzgebiet. Die tschechoslowakische Armee zerschoss nach 1945 Kirchen, verbrannte wertvolle Holzaltare aus dem Mittelalter und zerstörte Wohnhäuser.


© Fotoquelle und Bildrechte: Dr. Georg W.Pollak, sc. / modrasci

Weitere Gebiete des Böhmerwaldes besuchten wir, abhängig vom Ort unseres jeweiligen Hotels. Mal wohnten wir in einem Schloss (Hradek), mal im Hotel Klostermanns Hütte, das wie eine Blockhütte erbaut war. Auch mehrere Burgen und Ruinen haben wir besucht. In der Burgruine Klenova haben wir eine Ausstellung der deutsch-tschechischer Bildhauerin Mary Duras besucht. Unweit von Klenova ist die Stadt Klatovy, die sich durch ein Dom, Kloster und Katakomben auszeichnet. Hier sind bis heute 190 mittelalterliche Mumien beherbergt. Nicht nur die monumentalen Bauten, auch die begeisternde Führung durch junge Fremdenführer, meist hübsche Mädchen, bleibt uns lange im Gedächtnis.

Die Bergregion des Böhmerwaldes ist bekannt durch ihre Glashütten, Glasbläsereien und Schleifereien. Einige haben wir auch besucht. In Rajsko / Annin, das zurzeit eine Renaissance erlebt, wohnten wir einer Demonstration zur Herstellung mittelalterlicher Glasperlen für Rosenkränze bei. Im benachbarten Atelier verfolgten wir das Schleifen von Gläsern und Tassen für saudiarabische Kunden…

Auf die vorbildlich unterhaltene und funktionstüchtige Stromerzeugungsanlage könnte die Herstellerin BBC, heute ABB, zu Recht stolz sein. Holz- und Energiegewinnung sind im Böhmerwald ebenfalls traditionelle Industriezweige. Im historischen „Cenek’s Sägewerk“ wurden wir über die lokalen Sägen, Holztransport und Elektrizität unterrichtet. Diese Gegend ist landschaftlich besonders lieblich, mit rundlichen Bergen, grünen Tälern und vielen Flüssen. Eben wie hier, bei “Cenek“ – vereinen sich Kremelna und Vydra zur „goldbringender“ Otava. Von hier fuhren wir hinauf nach Svojse und noch höher bis auf 1187 M.ü.M. nach Zhuri. Diese Route hat unseren historischen Fahrzeugen einiges abverlangt. Alle Škoda Felicias haben diese Prüfung bestens bestanden. Ganz oben im Niemandsland konnten wir uns Verpflegen – die Gastwirtschaft hatte den passenden Namen gemäß ihrer Lage: Ztracena – „die Verlorene“. Unterwegs stießen wir auf Barbara Smrkovskas Pferdezucht in Drazovice.

Jedes Tagesprogramm beinhaltete den Besuch eines Heimatmuseum wie in Kvilda oder Kasperske Hory und das Verweilen in einem National Park, zum Beispiel Jezerni oder Chalupska Slat. Dort finden sich ausgedehnte Torfgebiete und Sümpfe mit ausgefallener Fauna und Flora. Die Sümpfe sind nur auf erhöhten Holzpfaden begehbar.

Ein Abstecher zur ehemaligen deutsch-tschechischen Grenze in Bucina hinterließ bei allen einen tiefen Eindruck. Der belassene Todesstreifen, bis 1972 mit Stacheldraht unter Hochspannung und durch Wachtürme gesichert, ist stummer Zeuge der grausamen Gewalt. Die unmenschliche Behandlung der eigenen Bevölkerung durch das kommunistische Regine darf nie vergessen werden.

In der wiederaufgebauten Gemeinde Dobra Voda besuchten wir eine Weltrarität. Der moderne Glasaltar, auch Retabulum genannt, ist 3,5 x 5 Meter gross und wiegt über 7 Tonnen. Er befindet sich in der Kirche des Heiligen Günters. Dem Heiligen Günter (Sv. Vintir) ist keine andere Kirche auf der Welt geweiht. Das Eingangstor war sehenswert.

Der ursprüngliche mittelalterliche, reich geschnitzte und bemalte Altar wurde in den fünfziger Jahren von den tschechischen Truppen als Brennholz für Heizung und Kochherd missbraucht! Es gibt sogar Fotos als Beweis für dieses Tun! Das lokale Museum gibt Auskunft über das unrühmliche Schicksal der Grenzbevölkerung, sei es deutschen oder jüdischen Ursprungs.

Natürlich konnten wir das Motorradmuseum in Kasperske Hory nicht auslassen. In der Sammlung befinden sich auch ausgesprochen Unikate. So zum Beispiel ein Dreisitzmotorrad Cechie–Böhmerland oder ein Motorrad der Marke Wagner. Es ist das einzige Motorrad dieser Marke, das erhalten blieb.

Unsere Damen haben den Motorrädern das Heimatmuseum vorgezogen und warteten anschließend auf uns in einer Zuckerbäckerei begleitet von einem Schwarm Wespen.

An historischer Mobilität waren dabei: Škoda 450 Felicia, gebaut von 1959 bis 1964 mit insgesamt 14.863 Fahrzeugen. Die Felicia (Typ 994) wurde zuerst nur für den Export hergestellt, später konnte sie aber auch auf dem heimischen Markt gekauft werden. Der Kaufpreis entsprach damals etwa dem Wert von drei Jahreslöhnen. Der robuste Motor mit 1100 ccm, 50 PS Leistung, einfacher Mechanik sind heute der Grund, warum die Felicia bei Freunden der historischen Mobilität begehrt sind. Das blau-weisse Auto ist ein Unikat. Der Spartak Roadster Polytex wurde nur einmal gebaut und kam nie in die Serienherstellung. Seine Hinterachse wird hydropneumatisch gefedert. Das war für damalige Zeit sehr fortschrittlich. Diese technische Lösung wurde damals nur in teuren Limousinen genutzt. Wie eine Rosine auf der Torte wirkte das erst kürzlich entdeckte und vorbildlich renovierte Tretauto, dessen Karosserie an den großen Bruder Spartak Polytex angelehnt ist.

Nicht nur der Major und seine Assistentin Vendy haben sich um den Erfolg dieser „Rallye Susice“ verdient gemacht, sondern auch der Heilige Petrus, der uns schönes Wetter bescherte. Einzig das vorgesehene Pilzsammeln fiel wegen extremer Trockenheit aus, also eine Klage auf höchstem Niveau ☺.

Text: Dr. Georg W.Pollak, sc.

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