„Bahnsinn“ im Velodrom Darmstadt – Ein Erlebnisbericht

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Was inzwischen landauf, landab an Oldtimer-Veranstaltungen geboten wird, kann den Klassikerfreund schon in Entscheidungsnöte stürzen. Neben den etablierten Veranstaltungen, über die in den einschlägigen Magazinen berichtet wird, gibt es eine Fülle an lokalen Treffen, über die häufig nur Insider informiert sind und die es selten in die Hochglanzpresse schaffen. Auch nach vielen Jahren der Beschäftigung mit der Klassikerszene ist es immer wieder begeisternd zu sehen, welche Pflänzchen da im Verborgenen blühen.

Zu diesen Perlen gehört zweifellos eine Veranstaltung, die unter der treffenden Bezeichnung „Bahnsinn“ auf dem Velodrom im hessischen Darmstadt zelebriert wird und die am 6. Juni 2014 bereits zum achten Mal stattfand. Hier trifft sich eine schillernde Gemeinschaft von Zweirad-Jüngern, um es auf dem Oval der Radrennbahn richtig krachen zu lassen. Inspiriert ist diese Orgie an Motorensound durch das vor dem 2. Weltkrieg vor allem in den USA beliebte „Board Track Racing“, bei dem Rennmaschinen auf eigens errichteten Holzrennbahnen gegeneinander antraten. Da die Kurven als Steilwände ausgeführt waren, konnten bereits früh enorme Geschwindigkeiten erreicht werden, was den Reiz und zugleich das Risiko dieses Sports ausmachte.

Board Track Racing - Ford Pickup
Board Track Racing – Ford Pickup

Das Darmstädter Velodrom ist zwar vergleichsweise klein, dank der Ausführung in Beton aber stabiler als die originalen Strecken. Damit ist die Bahn ideal für den Einsatz selbst schwer Fahrzeuge und davon machen die Teilnehmer an der Veranstaltung reichlich Gebrauch. Eine Limitierung hinsichtlich des Baujahres besteht nicht und so stößt man hier auf frühe Maschinen noch aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, Klassiker aus den 20er bis 50er Jahren und auch etliche jüngere Motorräder, häufig fantasievolle Eigenbauten mit einem japanischen Motor, diversen Vorkriegsteilen und selbst gefertigten Anbauteilen.

Auch in punkto Leistung gibt es kein Reglement, erlaubt ist was gefällt. So sind beim freien Fahren Zweiräder der unterschiedlichsten Baujahre und Spezifikationen vereint, wobei sich die schwächeren brav im unteren Bereich der Bahn halten, während die leistungsfähigeren oberhalb von ihnen kreisen. Dieser wilden Mischung entspricht eine ebensolche Vielfalt an Typen und Stilen. Da sind brave Hausfrauen auf der Velosolex unterwegs, Hipster auf der Vespa und tätowierte Rocker auf schweren Zweizylinder-Bikes. Geht mit einem der stärker motorisierten Teilnehmer der Gaul durch, sorgt die „Rennleitung“ für Mäßigung, denn gerade beim freien Fahren ist Disziplin angesagt. Speziell das Ein-und Ausfahren, das jederzeit nach Gusto möglich ist, erfordert Konzentration und Rücksichtnahme. Aber man hat den Eindruck, dass die Teilnehmer mit dieser Anforderung gut klarkommen und obendrein einen Heidenspaß haben.

Ernster wird es, wenn Fahrer nach Klassen und Baujahren geordnet auf die Strecke gehen. Da sind schon einmal mehrere Rennmaschinen gleichzeitig unterwegs, die dann auch gerne zeigen, was in ihnen steckt. Überholmanöver werden gemieden, aber die Geschwindigkeiten steigen oft von Runde zu Runde. So jagen auf der höchsten Ebene der Bahn Harleys und Indians aus den USA, britische AJS und BSA oder auch deutsche NSU und DKW hintereinander her. Kaum eine der Maschinen verfügt über einen gedämpften Auspuff, sodass der Besucher in den vollen Genuss unverfälschten Motorenklangs kommt, wie das hierzulande nur noch selten möglich ist. Etliche der Fahrer sind dem Baujahr ihres Zweirads gemäß gekleidet und tragen zeitgenössische Helme, andere sind verwegene Szenetypen mit Tätowierungen am ganzen Leib und wilden Outfits. Auffallend ist der hohe Anteil sehr junger, engagierter Fahrer, auch bei Vorkriegsmaschinen. Offenbar scheint die ursprüngliche Optik und die frei zugängliche Mechanik historischer Zweiräder vermehrt auch bei der Internet-Generation Anklang zu finden, in deren Alltag es nur noch wenig zu schrauben und auseinander zunehmen gibt. Selbst die braven 50ccm-Maschinchen aus den 1970er Jahren werden häufig von jungen Leuten gefahren, denen die oft schrille Optik zu gefallen scheint und die sich damit eine Individualität geben können, die die modernen Zweiräder in dieser Klasse kaum mehr bieten.

Neben den gesetzten Typen und den schrägen Vögeln, die die Liebe zum klassischen Motorrad vereint, stellt eine weitere Fraktion eine unbedingte Bereicherung der Szene dar: Ein ganzes Rudel an Hot-Rods ist im Innern des Ovals geparkt und gehört ebenfalls zu den Publikumsmagneten. Man muss gar keine spezielle Beziehung zu dieser längst klassischen Form der Oldtimerei haben, um von Stil und Machart der präsentierten Wagen beeindruckt zu sein. Die einen „Rodder“ pflegen die zurückhaltende Art des Cleanens und Choppens, bei der überflüssiger Zierrat entfernt und die Karosserieform betont wird. Hier wird bis in den Innenraum hinein ein enormer Aufwand getrieben. Diesen gekonnten Interpretationen einstiger Großserienwagen stehen völlig eigenständige Entwürfe gegenüber, die mit einer Vielzahl an Versatzstücken aus unterschiedlichen Zeiten und von verschiedenen Fahrzeugen arbeiten. Was dabei herauskommen kann, grenzt im Einzelfall an Kunst, zumindest wenn man die Produkte der sogenannten Gegenwartskunst als Maßstab heranzieht. Jedenfalls treten hier ein Stilempfinden und ein handwerkliches Können zutage, das man auch dann anerkennt, wenn einem sonst der Zugang zu dieser sehr eigenen Szene fehlt. Zur Faszination trägt die teils unglaubliche Kraft der verwendeten 8-Zylinder-Bigblocks bei, die beim Einsatz der Hotrods auf dem Velodrom ansatzweise deutlich wird. Im Unterschied zu etlichen präsentierten Maschinen auf zwei Rädern verfügen die meisten der Hot-Rods sogar über Straßenzulassungen. Am späten Nachmittag verlassen einige der Wagen das Areal und reihen sich wie selbstverständlich in den Strom der immergleichen Vans und SUVs ein. Ob deren Insassen etwas von dem ahnen, was sich an diesem herrlichen Sommertag im Velodrom im sonst so auf Korrektheit bedachten Darmstadt abgespielt hat? Vermutlich nicht, und das ist gut so.

Dass diese „Bahnsinns“-Veranstaltung auch weiterhin möglich ist, wünscht man allen, denen museales Präsentieren zu wenig ist und die die heiße Leidenschaft am alten Blech und der lustvolle Genuss an dröhnenden Motoren teilen.

Quelle Text und Fotos: Michael Schlenger

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