{"id":3985,"date":"2014-08-07T15:13:28","date_gmt":"2014-08-07T13:13:28","guid":{"rendered":"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/?p=3985"},"modified":"2014-09-23T20:30:46","modified_gmt":"2014-09-23T18:30:46","slug":"messlatte-fuer-aerodynamik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/messlatte-fuer-aerodynamik\/","title":{"rendered":"Messlatte f\u00fcr Aerodynamik"},"content":{"rendered":"<p>Vor 75 Jahren stellten Str\u00f6mungsforscher der Aerodynamischen Versuchsanstalt G\u00f6ttingen (AVA) ein Auto vor, das lange Zeit als konsequenteste Umsetzung der Aerodynamik im Fahrzeugbau galt: den so genannten Schl\u00f6rwagen. Um den Verbleib des Fahrzeuges ranken sich zahlreiche Mythen. Einige der R\u00e4tsel konnten im Archiv des Deutschen Zentrums f\u00fcr Luft- und Raumfahrt (DLR), Nachfolger der AVA, gel\u00f6st werden.<\/p>\n<p>Der Schl\u00f6rwagen war ein Experimentalauto, das 1939 f\u00fcr Aufsehen sorgte. Seine Windschl\u00fcpfigkeit, gemessen als sogenannter Str\u00f6mungswiderstandskoeffizient (Cw-Wert), war mit 0,186 sensationell niedrig. Nachmessungen von VW in den siebziger Jahren an einem Modell bescheinigten dem Schl\u00f6rwagen sogar einen Cw von nur 0,15. Heutige Pkw reichen mit einem Cw-Wert von 0,22 bis 0,3 nicht an die g\u00fcnstige aerodynamische Form des Schl\u00f6rwagens heran. Lediglich moderne Experimentalautos wie das sogenannte Ein-Liter-Auto von VW oder das PAC-Car II der ETH Z\u00fcrich weisen niedrigere Cw-Werte auf. Im Gegensatz zu diesen bot der Schl\u00f6rwagen allerdings sieben Personen \u2013 also einer ganzen Familie \u2013 Platz.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3986\" aria-describedby=\"caption-attachment-3986\" style=\"width: 730px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-1.jpg\" alt=\"Schl\u00f6rwagen\" width=\"730\" height=\"410\" class=\"size-full wp-image-3986\" srcset=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-1.jpg 730w, https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-1-300x168.jpg 300w, https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-1-125x70.jpg 125w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3986\" class=\"wp-caption-text\">Schl\u00f6rwagen \u00a9 Fotoquelle und Bildrechte: Auto-Medienportal.Net\/ DLR<\/figcaption><\/figure>\n<p>Anl\u00e4sslich des Jubil\u00e4ums stellten G\u00f6ttinger DLR-Forscher noch einmal ein erhaltenes verkleinertes Original-Modell in den Windkanal. Die Aufnahmen best\u00e4tigten die Untersuchungen in den 30er Jahren: Die Str\u00f6mung schmiegt sich eng an das Modell an. Es kommt zu keinerlei Str\u00f6mungsabrissen oder Verwirbelungen, die ein Fahrzeug bremsen w\u00fcrden. Als geradezu ideal erwies sich das lang hinuntergezogene Heck: Hier zeigte sich keinerlei Luftr\u00fcckstr\u00f6mung, die bei den meisten Autos f\u00fcr erh\u00f6hten Luftwiderstand sorgt.<\/p>\n<p>Der Schl\u00f6rwagen verdankt seinen Namen dem deutschen Ingenieur Karl Schl\u00f6r (1910-1997). Das Auto sollte nicht in erster Linie hohe Geschwindigkeiten erzielen, sondern bei herk\u00f6mmlichem Fahrtempo einen besonders niedrigen Verbrauch erzielen und einer ganzen Familie Platz bieten &#8211; ein Konzept, das in der Zeit von Klimawandel und Energiekrise \u00e4u\u00dferst modern anmutet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3987\" aria-describedby=\"caption-attachment-3987\" style=\"width: 730px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-2.jpg\" alt=\"Schloerwagen\" width=\"730\" height=\"411\" class=\"size-full wp-image-3987\" srcset=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-2.jpg 730w, https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-2-300x168.jpg 300w, https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-2-125x70.jpg 125w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3987\" class=\"wp-caption-text\">Schloerwagen \u00a9 Fotoquelle und Bildrechte: Auto-Medienportal.Net\/ DLR<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schl\u00f6r w\u00e4hlte f\u00fcr die Grundform des Wagens zwei Profile von Flugzeugtragfl\u00e4chen mit einem besonders niedrigen Luftwiderstand aus. Die Form des Fahrzeugs \u00e4hnelte der eines halben Tropfens, was ihm wohl sp\u00e4ter den Spitznamen &#8222;G\u00f6ttinger Ei&#8220; eintrug. &#8222;Im Grunde genommen ist der Schl\u00f6rwagen ein Fl\u00fcgel auf R\u00e4dern&#8220;, erkl\u00e4rt Prof. Andreas Dillmann, Leiter des DLR-Instituts f\u00fcr Aerodynamik und Str\u00f6mungstechnik.<\/p>\n<p>Um diese aerodynamisch g\u00fcnstige Form so wenig wie m\u00f6glich zu st\u00f6ren, wurde die Karosserie so weit nach au\u00dfen gezogen, dass sich die Vorderr\u00e4der innerhalb der Karosserie drehen konnten. Dies f\u00fchrte zu einer gro\u00dfen Fahrzeugbreite von 2,10 Metern. Mit dieser Breite nahmen die Konstrukteure einen etwas h\u00f6heren Luftwiderstand in Kauf. Der Boden des Fahrzeugs war geschlossen, die Fenster schlossen b\u00fcndig mit der Au\u00dfenhaut. Trotz einer Aluminium-Karosserie war der Wagen etwa 250 Kilogramm schwerer als das Serienmodell, ein Mercedes 170 H.<\/p>\n<p>Auf der damals bei G\u00f6ttingen gerade fertig gestellten Autobahn, dem Vorl\u00e4ufer der heutigen A 7, absolvierte der Schl\u00f6rwagen im Jahr 1939 eine Reihe von Testfahrten. Die H\u00f6chstgeschwindigkeit betrug beim Serienwagen circa 105 Kilometer pro Stunde, beim Stromlinienwagen beachtliche 134 bis 136. Der Schl\u00f6rwagen verbrauchte auf 100 Kilometer acht Liter, das Serienmodell hingegen zehn bis zw\u00f6lf Liter &#8211; eine Reduzierung um 20 bis 40 Prozent.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3988\" aria-describedby=\"caption-attachment-3988\" style=\"width: 730px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-3.jpg\" alt=\"Schloerwagen\" width=\"730\" height=\"411\" class=\"size-full wp-image-3988\" srcset=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-3.jpg 730w, https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-3-300x168.jpg 300w, https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Schloerwagen-3-125x70.jpg 125w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3988\" class=\"wp-caption-text\">Schloerwagen \u00a9 Fotoquelle und Bildrechte: Auto-Medienportal.Net\/ DLR<\/figcaption><\/figure>\n<p>Trotz all seiner aerodynamischen Vorteile ging der Schl\u00f6rwagen nie in Serienproduktion. Und das nicht ohne Grund: &#8222;Die Exzellenz der Aerodynamik ging auf Kosten der Fahrsicherheit&#8220;, sagt Dillmann. Der Schl\u00f6rwagen war nicht nur sehr schwer fahrbar, st\u00e4rkerer Seitenwind h\u00e4tte das Fahrzeug von der Stra\u00dfe gefegt. Die Probleme mit der Fahrsicherheit w\u00e4ren heutzutage mit Hilfe elektronischer Fahrassistenzfunktionen vielleicht in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>Nach Abschluss der Fahrtests in G\u00f6ttingen wurde der Schl\u00f6rwagen 1939 auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Berlin einem staunenden Publikum vorgestellt. Doch der Zweite Weltkrieg machte jegliche Pl\u00e4ne f\u00fcr eine Weiterentwicklung von Personenkraftwagen zunichte. 1942 wurde der Schl\u00f6rwagen mit einem Propeller aus der russischen Kriegsbeute mit 130 PS ausgestattet. Die ungew\u00f6hnliche Konstruktion erregte auf einer Testfahrt in G\u00f6ttingen gro\u00dfes Aufsehen.<\/p>\n<p>Am Ende des Krieges verschwand er aus dem Fokus der \u00d6ffentlichkeit. Im Laufe der Jahre entstanden verschiedenste Theorien \u00fcber seinen Verbleib. Die einen behaupteten, er sei von den Alliierten beschlagnahmt und nach England gebracht worden. Andere mutma\u00dften, er sei in Riga verbrannt oder stehe vielleicht noch heute vergessen in einem Schuppen bei G\u00f6ttingen. All diese Vorstellungen sind laut der Leiterin des Zentralen Archives des DLR, Dr. Jessika Wichner, falsch: \u201eDer Schl\u00f6rwagen stand noch nachweisbar bis mindestens Ende August 1948 in der AVA G\u00f6ttingen.\u201c<\/p>\n<p>Der Erfinder Schl\u00f6r musste damals per Brief erfahren, dass von seinem Wagen \u201edie Karosserie in besch\u00e4digtem Zustand noch notd\u00fcrftig erhalten\u201c sei. Teile wie Sitze und R\u00e4der waren bereits im Krieg ausgebaut worden, der Wagen \u201eparkte\u201c in einem abbruchreifem Geb\u00e4ude. Wichner: \u201eDas Fahrzeug war damals weder in einem fahrt\u00fcchtigem Zustand, noch \u00fcberhaupt ein vollst\u00e4ndiges Automobil.\u201c Hoffnungen Schl\u00f6rs, wenigstens die Reste ausgeh\u00e4ndigt zu bekommen, zerschlugen sich 1948: Ein Abschleppwagen musste aus G\u00f6ttingen unverrichteter Dinge zur\u00fcckkehren, die britische Milit\u00e4rverwaltung erteilte keine Freigabe. Danach verliert sich die Spur des Fahrzeugs. \u201eDie Wahrscheinlichkeit, dass man die schwer besch\u00e4digte Karosserie irgendwann schlicht und ergreifend entsorgt hat, ist leider sehr hoch\u201c, vermutet Wichner.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 75 Jahren stellten Str\u00f6mungsforscher der Aerodynamischen Versuchsanstalt G\u00f6ttingen (AVA) ein Auto vor, das lange Zeit als konsequenteste Umsetzung der Aerodynamik im Fahrzeugbau galt: den so genannten Schl\u00f6rwagen. 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