{"id":3275,"date":"2014-05-30T12:00:21","date_gmt":"2014-05-30T10:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/?p=3275"},"modified":"2022-01-19T11:33:05","modified_gmt":"2022-01-19T10:33:05","slug":"fiat-500-helden-des-italienischen-alltags","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/fiat-500-helden-des-italienischen-alltags\/","title":{"rendered":"FIAT 500 \u2013 Helden des italienischen Alltags"},"content":{"rendered":"<p>Was man seit einiger Zeit \u00fcber den FIAT-Konzern zu lesen bekommt, l\u00e4sst Kennern der italienischen Automobilgeschichte die Haare zu Berge stehen. Das erfolgreichste Modell ist ein aufgeblasener Wiederg\u00e4nger des legend\u00e4ren Cinquecento, der einst Italien Mobilit\u00e4t bis in den letzten Winkel und in die schmalste Gasse erm\u00f6glichte. Die ruhmreichen Konzernmarken <a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/category\/marken-typen\/lancia\/\" title=\"Link Beitr\u00e4ge \u00fcber Lancia\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lancia<\/a> und <a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/category\/marken-typen\/alfa-romeo\/\" title=\"Link Beitr\u00e4ge zu Alfa Romeo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alfa Romeo<\/a> sind seit langem nur noch ein Schatten ihrer selbst, und unter Nachlassverwalter Sergio Marchionne \u2013 der gern Pullover tr\u00e4gt und sein Handwerk in Amerika gelernt hat \u2013 scheint man diesen Untoten nun endlich den Garaus machen zu wollen. Statt in knapp sitzende italienische Ma\u00dfanz\u00fcge kleidet man sie entweder in ausgebeulte Jogginganz\u00fcge der Marke Chrysler oder zw\u00e4ngt sie in banale Turiner Konfektionsware und h\u00e4ngt ein anderes Etikett daran. <\/p>\n<p>Denkt man an einstige Glanzlichter wie Lancia Aurelia, Flaminia und Fulvia, an sportliche Familienkutschen wie <a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/2012\/07\/alfa-romeo-giulia-wurde-50-jahre\/\" title=\"Link zum Beitrag Alfa Romeo Giulia wurde 50 Jahre\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alfa Giulia<\/a>, aufregend gezeichnete Hei\u00dfsporne wie Alfetta oder <a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/jubilaeum-40-jahre-alfa-romeo-alfetta-gt\/\" title=\"Link zum Beitrag 40 Jahre Alfa Romeo Alfetta\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">GTV<\/a>, an klassische Cabriolets wie FIAT 124 Spider und Limousinen wie den auch hierzulande einst beliebten <a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/60-jahre-fiat-1100\/\" title=\"Link zum Beitrag 60 Jahre FIAT 1100\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1100 (Millecento)<\/a>, kommt man schon ins Gr\u00fcbeln. Selbst der kl\u00f6sterlich-karge FIAT Panda erscheint mittlerweile als Geniestreich, betrachtet man das heutige Konzernangebot. <\/p>\n<figure id=\"attachment_3277\" aria-describedby=\"caption-attachment-3277\" style=\"width: 730px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/500er-im-Doppelpack.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/500er-im-Doppelpack.jpg\" alt=\"FIAT 500er im Doppelpack\" width=\"730\" height=\"967\" class=\"size-full wp-image-3277\" srcset=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/500er-im-Doppelpack.jpg 730w, https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/500er-im-Doppelpack-226x300.jpg 226w, https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/500er-im-Doppelpack-125x165.jpg 125w, https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/service\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/500er-im-Doppelpack-415x550.jpg 415w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3277\" class=\"wp-caption-text\">FIAT 500er im Doppelpack<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bereist man aber &#8211; wie der Verfasser dieses Beitrags &#8211; seit einem Vierteljahrhundert den italienischen Stiefel vom Schaft bis zur Absatzspitze, gibt es Hoffnung: Denn zumindest FIAT ist quicklebendig, je weiter man in den S\u00fcden kommt. Zwar sind dort einstige Stra\u00dfenfeger wie Alfa Giulia, Alfasud und Alfa 75 mittlerweile  ebenso ausgestorben wie hierzulande. Dasselbe gilt f\u00fcr echte Lancias aus Zeiten vor der \u00dcbernahme durch FIAT, die letzten attraktiven Modelle wie der Beta sind allenfalls auf Klassikerveranstaltungen zu sehen. Aber EINER hat im Alltag \u00fcberlebt, und das ist der kleine <a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/2012\/05\/unterwegs-mit-fiat-500-freunden\/\" title=\"Link zum Beitrag Unterwegs mit FIAT Freunden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">FIAT 500<\/a> nebst Verwandtschaft. Das Original, wohlgemerkt.<\/p>\n<p>In den nord- und mittelitalienischen Metropolen ist der \u201eechte\u201c FIAT 500 zwar auch rar und eher als Lifestylemobil begehrt. Doch s\u00fcdlich von Rom, wo nach Ansicht der Norditaliener Afrika beginnt, ist der Cinquecento fast 40 Jahre nach Produktionsende noch ein selbstverst\u00e4ndlicher Anblick. Das liegt keineswegs daran, dass die S\u00fcditaliener alle arme Schlucker w\u00e4ren, im Gegenteil: selbst im tiefen S\u00fcden, dem sogenannten Mezzogiorno, sind inzwischen aufgeblasene Wagen teutonischer Herkunft pr\u00e4sent. Doch das sind gl\u00fccklicherweise Ausnahmen, die in absurdem Kontrast zu den Platzverh\u00e4ltnissen der intakt gebliebenen historischen Innenst\u00e4dte stehen.<\/p>\n<p>Auch wer sich erkennbar Teureres leisten kann, mag auf den 500er ungern verzichten, und das hat gleicherma\u00dfen nostalgische wie handfeste praktische Gr\u00fcnde. Wer in den geschichtstr\u00e4chtigen Landschaften rund um Neapel und weiter s\u00fcdlich als Reisender unterwegs ist, freut sich anfangs noch \u00fcber jeden der Zweizylinderzwerge, die einem begegnen. Doch rasch stellt man fest, dass einem t\u00e4glich ohne weiteres ein Dutzend davon begegnen, und man beginnt w\u00e4hlerisch zu werden. Sicher wirft man noch einen Blick auf die erstklassig restaurierten, quasi im Neuzustand daherkommenden Modelle, die am Wochenende bei Sonnenschein ausgefahren und bewundert werden, wie das hierzulande auch der Fall ist. Doch als Liebhaber des Authentischen beginnt man sich f\u00fcr die Exemplare zu interessieren, die im Alltag eingesetzt werden und denen man das auch ansieht. <\/p>\n<p>Da bringt La Nonna \u2013 die Gro\u00dfmutter \u2013den Enkel mit dem schon etwas abgelebten 500er zu Schule, oft sind solche Alltagswagen noch in Erstbesitz. Andernorts stellt \u2013 jetzt wird\u2019s klischeehaft \u2013 ein Fischer seinen von der Meeresluft etwas angegriffenen Cinquecento am Hafen ab, bevor er sich im Boot seiner Flickarbeit zuwendet. Ein H\u00e4ndler bringt Blumen in die Innenstadt, dazu nutzt er einen Autobianchi Panoramica, gewisserma\u00dfen das Schwestermodell des Fiat 500 Kombis Giardiniera, aber mit eigenst\u00e4ndiger Karosserie. Der ausgeblichene Lack k\u00f6nnte noch der erste sein, und der Fahrer scheint sich keine Sorgen um etwaige Begehrlichkeiten zu machen, denn er hat den Wagen offen und mit Schl\u00fcssel im Z\u00fcndschloss auf der Piazza stehengelassen. Auf dem Corso, der lokalen Einkaufsmeile stehen zwanglos gleich mehrere 500er in gepflegtem Zustand herum und warten darauf, dass Signora aus dem Schuhgesch\u00e4ft zur\u00fcckkehrt. Andernorts dienen 500er als Werbevehikel oder einfach als Hingucker in Gesch\u00e4ften. Und mit etwas Gl\u00fcck erhascht man sp\u00e4ter im Feierabendverkehr aus dem Linienbus einen Blick auf einen der vollbesetzten Winzlinge, die mit Vollgas heimw\u00e4rts brausen.<\/p>\n<p>Nach all diesen Eindr\u00fccken stellt man sich die Frage: Warum ausgerechnet der 500er? Warum nutzen und lieben ihn die Italiener immer noch? Eigentlich m\u00fcsste er im Alltag l\u00e4ngst ausgestorben sein, so wie bei uns inzwischen auch der VW K\u00e4fer. Immerhin wird der 500er seit bald vierzig Jahren nicht mehr produziert, er ist klein, primitiv und in der Papierform hoffnungslos unterlegen. Warum sieht man nicht seinen Nachfolger, den Fiat 126 oder den noch l\u00e4nger gebauten 127er, \u00f6fter? Wo sind all\u2018 die 1100 und 124er Limousinen geblieben, die doch einst so zahlreich und weitaus erwachsener waren? Der Verfasser ist sich sicher: Es ist die einzigartige Kombination aus vermeintlichen Schw\u00e4chen und einer Form, die auch das Herz des fiesesten Mafiosos schwach werden l\u00e4sst. Denn klein hei\u00dft in S\u00fcditalien: passt in die schmalste Gasse und den engsten Parkplatz, primitiv bedeutet: es kann fast nichts kaputtgehen, und wenn, ist es leicht und kosteng\u00fcnstig repariert. Geringe Leistung hat den Vorteil niedrigen Verbrauchs und f\u00e4llt im nat\u00fcrlichen Revier des Wagens, der Innenstadt nicht auf. Der Mangel an PS zwingt f\u00f6rmlich zu z\u00fcgigem Fahren und Ausnutzung der Verkehrsverh\u00e4ltnisse, eine Tugend, die in Zeiten stark motorisierter Blechgebirge hierzulande merkw\u00fcrdigerweise immer seltener wird. Die liebenswerte Karosserie des Cinquecento sorgt seit Generationen zuverl\u00e4ssig f\u00fcr den \u201eHabenwollen\u201c-Reflex, nicht nur in der Damenwelt. Das garantiert Wertbest\u00e4ndigkeit. <\/p>\n<p>In der Kombination dieser Eigenschaften ist ein funktionierender 500er, egal wie zerdellt und verspachtelt er daherkommt, durch kein anderes Auto zu ersetzen, schon gar kein modernes. Es ist kein Zufall, dass die Italiener gerne Fiat 500, Panda oder Uno fahren, aber den als Stadtwagen propagierten Smart mit Geringsch\u00e4tzung strafen. Allenfalls mag man sich fragen, weshalb der klassische Mini, der ja ganz \u00e4hnliche Qualit\u00e4ten hat wie der 500er und sogar in Italien von Innocenti in Lizenz gebaut wurde, sich heute nicht einer vergleichbaren Beliebtheit erfreut. Das kann der Verfasser, der klassische Fiat wie fr\u00fche Minis gleicherma\u00dfen sch\u00e4tzt, nur damit erkl\u00e4ren, dass die Italiener gl\u00fchende Patrioten sind. W\u00e4hrend uns statt des Europas der Vielfalt zu oft ein Europa Br\u00fcsseler Einfalt begegnet, wenden sich die Menschen vielleicht ganz unbewusst verst\u00e4rkt dem zu, was ihr Bed\u00fcrfnis nach Identit\u00e4t stillt. Wer die Klassikerszene l\u00e4nder\u00fcbergreifend betrachtet, wird feststellen, dass zumindest dort die nationalen Autokulturen noch quicklebendig sind. Diese lokale Vielfalt sucht man bei Neufahrzeugen allerdings vergebens und das k\u00f6nnte eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die immer st\u00e4rkere Hinwendung zu Klassikern sein, die ein eigenes Profil erkennen lassen. So wie in Deutschland der K\u00e4fer im breiten Volk die Herzen h\u00f6her schlagen l\u00e4sst, ist es in Italien eben der Fiat 500 mit dem Unterschied, dass er im Alltag noch pr\u00e4sent ist. Hier k\u00f6nnen wir vielleicht \u2013 wie in so vielen Dingen \u2013 von unseren s\u00fcdlichen Nachbarn etwas lernen. Interessanterweise nutzen im pers\u00f6nlichen Umfeld des Verfassers einige Bekannte einen Fiat 500, um sich den Alltag zu vers\u00fc\u00dfen. Insofern soll dieser Beitrag auch dazu ermutigen, Klassiker ins ganz normale Leben zu integrieren. <\/p>\n<p>Gastautor: Text &#038; Fotos <a title=\"Vorkriegs-Klassiker-Rundschau\" class=\"aalmanual\" target=\"_blank\"   href=\"https:\/\/klassiker-runde-wetterau.com\/\">Michael Schlenger<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was man seit einiger Zeit \u00fcber den FIAT-Konzern zu lesen bekommt, l\u00e4sst Kennern der italienischen Automobilgeschichte die Haare zu Berge stehen. 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