{"id":1850,"date":"2013-12-27T08:45:28","date_gmt":"2013-12-27T07:45:28","guid":{"rendered":"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/inserat\/?p=1850"},"modified":"2022-01-19T11:14:30","modified_gmt":"2022-01-19T10:14:30","slug":"patina-bei-klassikern-ein-plaedoyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/inserat\/patina-bei-klassikern-ein-plaedoyer\/","title":{"rendered":"Patina bei Klassikern \u2013 ein Pl\u00e4doyer"},"content":{"rendered":"<p>Es ist noch nicht lange her, da konnte die Klassikerszene hierzulande mit dem Begriff \u201ePatina\u201c wenig anfangen. Ein historisches Auto oder Motorrad hatte \u201erestauriert\u201c zu sein, worunter man eine weitgehende Ann\u00e4herung an den einstigen Neuzustand meinte. Ansonsten erntete man skeptische bis absch\u00e4tzige Blicke, wenn bei einem Oldtimer der Lack stumpf, das Leder speckig und das Holz rissig war, insbesondere dann, wenn es sich um eine besonders prestigetr\u00e4chtige Marke handelte. Ein Vorkriegs-Mercedes mit blindem Chrom, wurmstichigem Armaturenbrett und angelaufenen Messingschrauben im Motorraum, das geh\u00f6rte sich nicht. Eine alte Boxer-BMW mit matt polierter Linierung, abgenutzten Fussrasten und zerbeultem Auspuff, das galt als ungepflegt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1853\" aria-describedby=\"caption-attachment-1853\" style=\"width: 730px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/inserat\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Ford-A_Patina.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/inserat\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Ford-A_Patina.jpg\" alt=\"Ford A mit Patina\" width=\"730\" height=\"494\" class=\"size-full wp-image-1853\" srcset=\"https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/inserat\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Ford-A_Patina.jpg 730w, https:\/\/oldtimer-veranstaltung.de\/inserat\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Ford-A_Patina-300x203.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 730px) 100vw, 730px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1853\" class=\"wp-caption-text\">Ford A mit Patina<\/figcaption><\/figure>\n<p>Unsere Nachbarn in Frankreich und England wussten dagegen die Spuren der Vergangenheit an ihren Fahrzeugen schon immer zu sch\u00e4tzen, auch bei Hochpreisklassikern. \u201eDans son jus\u201c, sagt der franz\u00f6sische Kenner, wenn ein Klassiker original und nicht restauriert, aber strukturell intakt daherkommt. \u201eOily rag condition\u201c sagt der Brite voller Lob, wenn ein Wagen seit Jahrzehnten einfach nur erhalten wurde, ohne dass ihn jemand st\u00e4ndig mit K\u00e4rcher, Politur und Neulack traktiert h\u00e4tte. In England darf ein Rolls-Royce genauso die Spuren der Jahre zeigen wie ein Austin Seven, je mehr desto besser.<\/p>\n<p>Die Wertsch\u00e4tzung eines technisch funktionsf\u00e4higen, aber ansonsten in W\u00fcrde gealterten Fahrzeugs ist au\u00dferhalb Deutschlands kein neuer Trend, sondern lebendige Tradition. Es mag etwas mit der generellen Einstellung zur Vergangenheit zu tun haben, die hierzulande eine andere ist als die bei unseren Nachbarn. Vielleicht wirkt hier der Wille zum gr\u00fcndlichen Neuanfang nach dem Krieg nach, wenn in Deutschland viele meinen, das Alte sei minderwertig, stets m\u00fcsse alles auf dem neuesten Stand und makellos sein, au\u00dferdem wisse man heute alles besser. Man kann dies beim Umgang mit alter Bausubstanz beobachten: Wird in den wohlhabenden Regionen Deutschlands ein Haus aus den 1920er Jahren \u201ekernsaniert\u201c wird all zuoft das Dach mit neuen Hochglanzziegeln gedeckt, obwohl die alten Tonziegel noch f\u00fcr Jahrzehnte gut w\u00e4ren. Die hochwertig geschreinerten und wohl proportionierten T\u00fcren und Fenster aus Holz werden herausgerissen und schlimmstenfalls durch Kunststoffteile ersetzt. Wer im Rhein-Main-Gebiet in ein altes Haus aus der Gr\u00fcnderzeit zieht, kann an den Fu\u00dfbodenschichten das un\u00fcberlegte Wirken jeder Generation der Nachkriegszeit nachvollziehen. Auf den alten Dielen oder gar dem Fischgratparkett wurden erst PVC, dann Teppichboden und schlie\u00dflich Kunststofflaminat verlegt. Eine minderwertige und wenig dauerhafte L\u00f6sung folgt auf die andere, dabei ist das Originalmaterial meist das Beste, Haltbarste und Sch\u00f6nste.<\/p>\n<p>In England dagegen \u2013 wo auf den Friedh\u00f6fen die Grabsteine noch schief stehen d\u00fcrfen \u2013 lebt man ganz unbek\u00fcmmert mit den historischen Materialien und den Spuren der Zeit. Es w\u00e4re ein Irrtum zu glauben, das sei mangelnden Mitteln geschuldet. Auch Wohlsituierte lassen die alten Sprossenfenster lieber alle paar Jahre streichen, als sich in massives viktorianisches Gem\u00e4uer je nach Zeitgeist Aluminiumfenster (70er Jahre), Kunststofffenster in Holzoptik (80er Jahre) oder aktuell angepriesene Dreifachgl\u00e4ser einzubauen. Zum Energiesparen gilt bei den abgeh\u00e4rteten Briten ein dicker Pullover als weit wirkungsvoller und geheizt wird allenfalls das Wohnzimmer, in dem dann abgeschabte Sessel und Sofas mit aufgeplatzten N\u00e4hten stehen. Wer einmal in einem englischen Landhaus bei durchaus verm\u00f6genden Gastgebern \u00fcbernachtet hat, wird das nicht als Klischee abtun. <\/p>\n<p>Was das mit klassischen Fahrzeugen zu tun hat? Nun, dieselbe Wertsch\u00e4tzung alter Materialien, Spuren langer Benutzung und ein gewisser Konservatismus im Hinblick auf den \u201eFortschritt\u201c liegt bei den Zeugen unserer mobilen Vergangenheit ebenfalls nahe.<\/p>\n<p>Die Anmutung alten, \u00fcber Jahrzehnte speckig und blass gewordenen Leders gibt es ja nicht \u201eneu\u201c, wohl kann man aber br\u00fcchige Stellen und geplatzte N\u00e4hte reparieren. Das Holzarmaturenbrett, das ausgeblichen ist und dessen Lack br\u00fcchig geworden ist, l\u00e4sst sich erhalten, ohne dass es abgeschliffen oder gar in billigem Holz nach gebaut und mit Kunstlack versiegelt wird. Samt und Stoff aus dem Innenraum k\u00f6nnen behutsam gereinigt werden, abgeschabte Stellen d\u00fcrfen ruhig von der einstigen Anwesenheit der Vorbesitzer erz\u00e4hlen. Fehlstellen k\u00f6nnen mit altem Material erg\u00e4nzt werden, so wie das Furnier eines alten M\u00f6bels von einem erfahrenen Restaurator auch nur partiell ausgebessert wird. Die einst schwer verchromten Sto\u00dfstangen und Fenstereinfassungen m\u00f6gen nach Jahrzehnten an Glanz verloren haben, hier und da schaut oft schon die Vernickelung hervor. Diese lebendige Oberfl\u00e4che durch Neuverchromung zu beseitigen, f\u00fchrt bestenfalls zu einem austauschbaren Hochglanzerlebnis und h\u00e4ufiger zu Entt\u00e4uschung, weil die Qualit\u00e4t hier sehr oft zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst und die Kosten handwerklich perfekter Arbeit immens sind. <\/p>\n<p>Hinweis: Mit Klick auf ein Foto mit dem Mauszeiger (PC) oder Ber\u00fchrung mit dem Finger (Smartphone, Tablet) wird der Wechsel zum n\u00e4chsten Foto durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ein geschlossener Lack, der \u00fcber lange Jahre ausgeblichen und stumpf geworden ist, l\u00e4sst sich weit g\u00fcnstiger wieder aufbereiten und konservieren, als erneuern. Gerade bei Vorkriegsfahrzeugen gelingt es mit heutiger Technik selten, die einstige Lackoptik zu reproduzieren, auch die Farben wirken k\u00fcnstlich und von der schreienden \u00c4sthetik unserer Tage beeinflusst. <\/p>\n<p>Im Ergebnis wird man bei einem erhaltenswerten Zustand mit der Bewahrung und behutsamen \u00dcberarbeitung der Substanz nicht nur g\u00fcnstiger fahren und sich manche Erfahrung mit mancherlei Scharlatanen ersparen. Man wird vor allem ein Gesamtergebnis erzielen, das so einzigartig ist, wie man sich sein Fahrzeug doch eigentlich w\u00fcnscht. Was gibt es Ern\u00fcchternderes, als auf Treffen ganze Reihen \u201eauf neu\u201c gemachter Jaguar E-Types zu erblicken? Die Aura eines der faszinierendsten Fahrzeuge der Nachkriegszeit ist dahin, wenn es aussieht wie ein kompletter Nachbau. Und wie furchtbar die Vorstellung, wie viel intaktes Originalmaterial \u2013 Sto\u00dfstangen, Innenausstattungen, Bleche \u2013 zugunsten einfach verf\u00fcgbarer und meist minderwertigerer Reproduktionen ohne Not herausgerissen oder gar zerst\u00f6rt wurde. <\/p>\n<p>Bei aller Begeisterung f\u00fcr das in W\u00fcrde gealterte Original \u2013 nicht jeder beliebige Gebrauchtzustand sollte gleich als Patina gepriesen und bewahrt werden. So gibt es Fahrzeuge, die schwere Unf\u00e4lle hatten, bereits vom Vorbesitzer maltr\u00e4tiert oder vielleicht auch \u201erestauriert\u201c worden. Hier ist von einer blo\u00dfen Konservierung kein sinnvolles Ergebnis zu erwarten. Dann gibt es wiederum Fahrzeuge, die aus mehreren zusammengew\u00fcrfelt sind oder bei denen nur noch Chassis und Motor erhalten sein. Hier f\u00fchrt am weitgehenden Neuaufbau kein Weg vorbei, wenn man sich nicht eine immobile Skulptur in die Garage stellen m\u00f6chte \u2013 was f\u00fcr manche Sammler durchaus Reiz hat. <\/p>\n<p>Letztlich ist es ein schmaler Grat, auf dem man sich in Sachen Patina bewegt: was sind erhaltenswerte Spuren der Zeit, was sind schlicht h\u00e4ssliche Makel \u2013 ist der Zustand eines Fahrzeug noch aus einem Guss, oder ist es ein unharmonisches Nebeneinander  von Alt und Neu wie bei vielen angebrochenen Restaurierungen? Will man ein Fahrzeug noch im Alltag bewegen oder soll es als Zeuge der Vergangenheit bewahrt werden? Restauratoren alter M\u00f6bel, Musikinstrumente und Gem\u00e4lde stehen jeden Tag vor einer \u00e4hnlich schwierigen Situation. Was wird konserviert, was erg\u00e4nzt, was erneuert? Das erfordert Erfahrung, Achtung vor der Leistung der Erbauer und Demut hinsichtlich der eigenen F\u00e4higkeiten. <\/p>\n<p>Man sieht: Patina ist ein spannendes, aber auch schwieriges Thema. Der Umgang damit ist keine exakte Wissenschaft, weshalb sich allzu sachlich Veranlagte schwer damit tun. Man wird daher auch kaum Einigkeit \u00fcber das Thema dar\u00fcber erzielen und es wird \u2013 wie \u00fcblich, wenn es im Oldtimer-Sektor um Geld geht &#8211; \u00dcbertreibungen und auch Betrug geben. Doch eines kann die Besch\u00e4ftigung damit bewirken: dass man ausf\u00fchrlich dar\u00fcber nachdenkt, wie man ein historisches Fahrzeug erhalten m\u00f6chte, und worin dessen Reiz besteht: nur in der blo\u00dfen Form und der technischen Spezifikation oder auch darin, dass es an vielen Spuren erkennbar von unseren Vorfahren, der Geschichte und der Verg\u00e4nglichkeit ganz allgemein k\u00fcndet. Ist die originale Substanz und Anmutung dagegen erst einmal getilgt, kann keine moderne Technik sie wieder herbei zaubern. Dabei sollte in Zeiten, in denen von Nachhaltigkeit so viel die Rede ist, Bewahren statt Erneuern beim Umgang die Devise sein, wo dies m\u00f6glich und sinnvoll ist. Der technische Fortschritt bei neuen Dingen wird dadurch nicht gehemmt \u2013 das aktuell technisch Machbare aber unterschiedslos auch auf das Vorgefundene anzuwenden, schadet der wenigen verbliebenen historischen Bausubstanz wie auch unserem technischen Erbe.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens l\u00e4sst sich die besondere Ausstrahlung von Patina nicht nur an einem Rolls-Royce der 1930er Jahren erleben &#8211;  das kann auch ein \u201egut abgehangener\u201c Familien-Ford aus den 1970ern leisten und der d\u00fcrfte inzwischen \u00e4hnlich selten sein \u2026<\/p>\n<p>Gastbeitrag: Michael Schlenger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist noch nicht lange her, da konnte die Klassikerszene hierzulande mit dem Begriff \u201ePatina\u201c wenig anfangen. 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